Technologiebeschaffung nach Art des BND (I.4): Die Anfänge von Lernout&Hauspie und das Ende von METAL bei Siemens

5. August 2013 | Von | Kategorie: ZWEI PLUS ZWEI IST FÜNF

Die Anfänge von Lernout&Hauspie

Es ist nun endlich an der Zeit, nach den Berichten über BND und Bodenkamp, METAL, AfA und GMS, auch einen Blick auf den Markt zu werfen, also auf die wenigen Firmen, die sich in der fraglichen Zeit überhaupt mit dem Thema ‘Sprachtechnologie’ auseinandersetzten. Eine systematische Marktsichtung wird daraus nicht werden, dazu besteht auch kein Anlass, denn als erste gerät – aus europäischem Blickwinkel – die belgische Firma Lernout&Hauspie (L&H) in den Fokus. Sie war besonders früh, nämlich schon 1987, auf den Markt gekommen und ging besonders ambitioniert zu Werke: L&H wollte alle vier wesentlichen Gebiete der Sprachtechnologie aus einer Hand anbieten, ein Ansatz, den selbst die großen, reichen, amerikanischen Firmen, wie IBM, AT&T oder Rank Xerox nur schwer zu bewältigen in der Lage waren. L&H fiel auch dadurch auf, dass die kleine belgische Firma es im Dezember 1995 geschafft hatte – als erste belgische Firma überhaupt – an der amerikanischen Börse NASDAQ eingeführt zu werden.

Vor allem aber bliebe die Geschichte von AfA, BND und Bodenkamp sozusagen auf einem Beine stehen, würde man nicht auch die eng damit verwobene Geschichte von Lernout&Hauspie erzählen:

Gründungsphase von Lernout&Hauspie


Jo Lernout (geb. 1948) und Paul Hauspie (geb. 1951) waren schon seit Jahren befreundet, als sie in der Mitte der achtziger Jahre beschlossen “etwas gemeinsam aufzubauen”.

Jo Lernout hatte sein Berufsleben als Lehrer an einer Schule für Hotelfachkräfte begonnen, war aber rasch gelangweilt davon, ständig das Gleiche tun zu müssen. Er absolvierte ein MBA-Programm an einer Management-Schule in Gent, arbeitete dann fünf Jahre lang als Vertriebsrepräsentant bei Wang, seinerzeit Anbieter der so genannten ‘mittleren Datentechnik’ mit starken Produkten im Bürobereich. 1985 wurde Lernout zum Geschäftsführer der belgischen Niederlassung von Wang ernannt. Was ihn besonders faszinierte, war ein Sprachaufzeichnungsgerät unter den Wang-Produkten. Es verkaufte sich allerdings nicht gut, wofür es einen ganz banalen Grund gab: Das Gerät erwartete Tonimpulse, wie sie Telefontasten auslösen können, in Europa bzw. Belgien waren seinerzeit aber noch hauptsächlich Telefone mit Wählscheiben in Gebrauch. Seit jener Zeit träumte Lernout von Software, die es dem Nutzer erlaubt, Anweisungen zu sprechen, um sie so dem Computer mitzuteilen.

Paul Hauspie hatte die Steuerberatungsfirma seines Vaters geerbt, nebenbei und am Abend schrieb er schon bald an eigenen Buchhaltungsprogrammen. 1977 gründete er die Firma HPP Computer Center, die Software für Steuer- und Finanzberater entwickelte und vertrieb. 1986 verkaufte er die Firma und leistete sich ein Jahr Auszeit in Japan und Taiwan, wo er mit Spracherkennungsprodukten in Berührung kam.

Die gemeinsame Vision von Lernout und Hauspie war ebenso grandios, wie einfach: Sie wollten Computer in die Lage versetzen, menschliche Sprache zu verstehen und darauf in der gleichen Sprache zu antworten.

Die gemeinsame Firma Lernout&Hauspie Speech Products N.V. (das spätere Börsenkürzel war LHSP) wurde im Dezember 1987 gegründet. Sitz der Firma war Yper, eine Kleinstadt von ca. 35.000 Einwohnern in Westflandern, die bis dahin vor allem zu Bekanntheit gelangt war als Austragungsort blutigster Schlachten im 1. Weltkrieg. Wesentliche wirtschaftliche oder sonstige strategische Bedeutung hatte die Gegend nicht aufzuweisen.

Lernout und Hauspie gingen engagiert und zielstrebig zu Werke. Um ihren Traum zu verwirklichen, benötigten sie drei wesentliche Komponenten:

  1. etwas, das menschliche Sprache hören und verstehen kann und sie dem Computer vermittelt (Spracherkennung / Speech Recognition / “Diktiersoftware)
  2. etwas das für den Computer sprechen kann, so wie wir das heute vom Navigationssystem im Auto kennen (Sprachausgabe / Text-to-Speech)
  3. und, quasi als technischen Unterbau, effiziente Speicherungs-, Übertragungs-, Umwandlungs- und Kompressions-Agenten für gesprochene Sprache und geschriebenen Text.

Sprachtechnologie, der Oberbegriff für die Vision von Lernout und Hauspie, gab es schon geraume Weile. Sie war eine wesentliche Säule der Forschung und Entwicklung im Bereich der so genannten Künstlichen Intelligenz. Dies nicht ganz von ungefähr: Wer menschliche Intelligenz (in Teilbereichen) durch künstliche ersetzen will, muss sich zwangsläufig mit dem wesentlichen “Interface” des Menschen beschäftigen: Seiner Fähigkeit, sich durch Sprache auszudrücken und seiner Fähigkeit, sprachlichen Ausdruck seiner Mitmenschen zu hören und zu verstehen.

Als Lernout und Hauspie starteten mit ihrer Firma, war Sprachtechnologie jedoch weit entfernt von marktreifen Produkten. Auch hatte sich noch kein Massenmarkt entwickelt. Die beiden wussten um diesen Sachverhalt und schauten sich daher zunächst einmal intensiv den Stand der akademischen Forschung an den belgischen Universitäten an. . Sie fanden drei Institute, die dem nahe kamen was sie suchten, nämlich Spitzentechnologie (oder Ansätze dazu) auf einem der wesentlichen Gebiete der Sprachtechnologie: In Gent gab es Experten für Sprachausgabe (Text-to-Speech), an der Universität von Löwen Fachleute für Spracheingabe (Speech Recognition) und in Mons ein Labor für Sprachaufzeichnung (Speech Digitizing). Mit allen drei Instituten wurden zur kommerziellen Verwertung der Entwicklungsergebnisse Lizenzvereinbarungen abgeschlossen.

Der erste Teil des Abenteuers von der Finanzierung von Lernout&Hauspie

Kaum war dies unter Dach und Fach, begannen Lernout und Hauspie ihr Unternehmen, manche sprechen auch von ihrem “Abenteuer”: Die Finanzierung bei Firmengründung im Dezember 1987 stammte von den beiden Gründern und neun privaten Investoren. Hauspie hatte noch Geld übrig aus dem Verkauf seiner Softwarefirma und Lernout verkaufte sein Haus. Seine Frau davon zu überzeugen, sei, wie er später einmal bemerkte, der härteste Teil der frühen Jahre gewesen. Das Geld wurde aufgewendet für eigene Forschung und Entwicklung, für die notwendige Betriebsausstattung und Betriebsmittel für das laufende Geschäft.

DEPES – Sprachausgabesystem

Bereits im Mai 1989 stellte Lernout&Hauspie auf der Messe ‘SPEECH TECH’ in New York ein Sprachausgabesystem vor (Text-to-Speech). Das konnte zwar nur Holländisch, doch war die Fachwelt angetan von der Aussprachequalität und Modulationsfähigkeit der künstlichen Stimme. L&H verfolgte bei der Sprachausgabe einen neuartigen Ansatz, der auf wesentlich größere Vielfalt von Texten in beliebigen Sprachen oder bei der Aussprache beliebiger Texte hoffen ließ. Beim bisherigen Ansatz hatte man im Sprachausgabesystem ein Wort hinterlegt und dazu den zu produzierenden Klang des Wortes. Kam dann in einem Text dieses Wort vor, so erzeugte das Sprachausgabesystem den entsprechenden Klang. Ein wesentlicher Nachteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: Das System kann nur die Worte “aussprechen”, die auch in der Wortbank gespeichert sind.

Der neue Ansatz repräsentierte Worte nicht mehr als Folgen von Buchstaben, sondern als so genannte Phoneme – Klangfolgen. Völlig unterschiedlich geschriebenen Wörter bzw. Klangfolgen – auch aus unterschiedlichen Sprachen – können damit in eine einheitliche phonetische Schreibweise überführt werden (Icecream – I scream – Eis kriehm). Dieses Verfahren nannte sich DEPES (Development Environment for Pronunciation Expert System) und erlaubte es, Sprachausgabesysteme in relativ rascher Folge in unterschiedlichen Sprachen anzubieten (da man nicht auf die Worte und ihre Schreibweise, sondern auf den Klang der Worte achtete). Kurze Zeit schon nach der Vorstellung in New York in Holländisch konnte Lernout&Hauspie auch Sprachausgabesysteme in Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch anbieten.

Heutzutage sind Text-to-Speech-Anwendungen übliche Begleiter der modernen Zivilisation: ‘Tanja’ aus dem Navigationssystem erleuchtet den Fahrer (“Bitte der Straße folgen …”) ebenso, wie die freundliche Computerstimme an der Telekom-, Bank- oder Versicherungshotline, die uns auffordert, Taste x am Telefon zu drücken, wenn wir y möchten. Zwanzig Jahre zuvor mögen Lernout, Hauspie und die Experten, die sie sich gesucht hatten, solche Visionen schon gehabt haben: Die Qualität der Sprachausgabesysteme war jedoch bei weiterm nicht mit dem zu vergleichen, was wir heute für den Standard halten. Das lag vor allem auch an der längst nicht so ausgeprägten Leistungsfähigkeit und Speicherkapazität damaliger Computersysteme.

Das anfänglich investierte Geld war jedoch nach einem knappen Jahr aufgezehrt und Lernout&Hauspie suchten ein erstes Mal nach externen Investoren. Geld aufzutreiben für die Finanzierung der weiteren Entwicklung sollte in den kommenden Jahren zu ihrer Hauptaufgabe werden: Im Juli 1989 beteiligten sich der regionale Investment Fond von Flandern (GIMV) und zwei belgische Venture Capital Firmen mit jeweils einem Drittel an den neuen Anteilen. Es kamen so 750.000 Dollar zusammen, der Anteil der Firmengründer verringerte sich auf 28%. Doch schon bald kam es zu Spannungen im Aufsichtsrat zwischen den neuen Investoren und den Firmengründern. Schon im Juni 1990 wurden die Investoren ausgetauscht durch eine neue Gruppe und weitere, dringend benötigte, 1,5 Mio. Dollar flossen in die Firma.

Auch diese Kapitalspritze hielt nicht lange an. Lernout&Hauspie verzeichnete im Jahresabschluss für 1990 einen beängstigenden Verlust in einer Größenordnung von mehr als 5 Millionen. Um überhaupt irgendwie überleben zu können, wandten sich die Firmengründer immer ‘moderneren’ Finanzierungsformen zu: Zunächst brachte man Aufwendungen von immerhin 2,5 Mio. für Forschung und Entwicklung unter dem Posten “Darlehen” (der Regierung bzw. der belgischen Telekom-Gesellschaft) im Jahresabschluss unter. Anschließend verfiel man auf das Stichwort vom “Lieferantenkredit”, was de facto bedeutete, dass Lieferanten und Dienstleister bis an die Grenze des Erträglichen auf ihr Geld warten mussten – bevor sie dann endlich bezahlt wurden. Mehrere Quellen berichten darüber, dass sich Lernout und Hauspie nicht zu schade waren, selbst bei Nachbarn und Freunden Geld einzusammeln. Selbst 3.000 Dollar waren kein zu geringer Betrag, obwohl größere Beiträge natürlich hoch willkommen waren. Piet Depuydt, der 1997 ein Buch über die Geschichte von Lernout&Hauspie geschrieben hat, berichtet von einer Episode mit einem lokalen Schweinezüchter: Die beiden präsentierten auch ihm ihre Vision, der unterbrach sie schon nach kurzem und holte eine halb aufgefressene Sparurkunde im Wert von 60.000 Dollar aus der Schublade, die versehentlich im Futtertrog seiner Schweine gelandet war. Wenn es ihnen gelänge, das Dokument bei der Bank einzulösen, versprach er, sollten sie das Geld für ihn in Aktien der Firma anlegen. Es erforderte längere Überzeugungsarbeit, doch am Ende akzeptierte die Bank das Dokument.
Vision und wirtschaftliche Möglichkeiten klafften bei Lernout&Hauspie noch weit auseinander. Um die Firma über Wasser zu halten, wurde die Sprachausgabe eingesetzt in Spielzeug oder kleinen Wörterbuchcomputern für die Westentasche, die zu einem Wort einer Fremdsprache auch seinen Klang mitlieferten.

Digitalisierung und Speicherung von Sprache

Den größten Teil der Einnahmen deckte jedoch der Bereich digitale Sprachspeicherung und Kompression mit seinem Produkt Digilog, einem System zur Digitalisierung und Speicherung von Sprache. “Digilog ist besonders verbreitet bei großen Organisationen, die die Notwendigkeit haben, einzelne Sprecher / Stimmen aufzuzeichnen, wieder zu erkennen und in den aufgezeichneten Gesprächen Auswertungen zu machen, hieß es in einer Produktbeschreibung: Welch eine zutreffende Umschreibung für Organisationen, wie den Bundesnachrichtendienst und deren Bedarf!

Der Aufstieg von Lernout&Hauspie

Wettbewerb und Wettbewerbssituation

Im weltweiten Vergleich gab es Firmen, die wesentlich größer waren und Budgets aufwenden konnten, von denen man bei Lernout&Hauspie nur träumen konnte: IBM zählte dazu, ebenso wie AT&T Bell Labs oder auch NEC. Mit seinen 36 Mitarbeitern war L&H zwar ein Winzling gegenüber diesen Giganten, hatte jedoch zwei Merkmale aufzuweisen, die einzigartig waren: Zum einen deckte L&H drei wesentliche Zweige des Sprachtechnologiemarktes ab mit automatischer Spracherkennung, Sprachausgabe und digitaler Sprachaufzeichnung. Zum zweiten fokussierte sich L&H von Anfang an auf Vielsprachigkeit (Multilingualität), was nicht unbedingt verwunderlich ist bei einem europäischen Anbieter, noch weniger bei einem Anbieter, der aus einem Land kommt, in dem drei Sprachen Amtssprache sind (Niederländisch, Französisch, Deutsch). Belgier denken und fühlen von jeher “multilingualer” als ein Amerikaner, der sein Land noch nie verlassen hat.

Intime Kenntnis der in Westeuropa gesprochenen Sprachen war auch ein Grund, warum Lernout&Hauspie von der amerikanischen Firma Dragon Systems den Auftrag zur Entwicklung von Fremdsprachenversionen von Dragon Dictate erhalten hatte. Das Ehepaar Dr. James und Janet Baker hatte Dragon Systems 1982 gegründet und war, ähnlich wie Lernout und Hauspie, besessen von der Vision, einem Computer in nicht allzu ferner Zukunft einen Text diktieren und das Manuskript dann aus dem Drucker nehmen zu können. Mit seiner breiten Basis von Sprachen erschien Lernout&Hauspie für Dragon der richtige Partner für Diktierlösungen in Französisch, Deutsch, Holländisch, Italienisch und Spanisch.

Schwung und Kraft der visionären Gründer und ihrer Mitstreiter allein konnten jedoch nichts daran ändern, dass Sprachtechnologie Anfang der neunziger Jahre alles andere war als ein profitabler Massenmarkt.

Kursänderung 1992

Anfang 1992 war offensichtlich, dass es so nicht weitergehen konnte: Im März verkaufte L&H seine gesamten Hardware- und Software-Aktivitäten an die junge, holländische Firma Stentor Speech Products. Der Verkauf brachte immerhin 752.000 Dollar in die Kasse und ließ zukünftige Einnahmen aus Lizenzen in Höhe von 3,2 Mio. Dollar erwarten. Dahinter steckte die Absicht, sich in Zukunft auf das “Kerngeschäft” zu konzentrieren, nämlich Sprachtechnologie, und sein Geld mit der Vergabe von nicht-ausschließlichen Lizenzen zu verdienen.

Im April 1992 kündigte L&H eine Vereinbarung an mit Analytic Devices, dem führenden Anbieter von Digital Signalprozessoren, dem L&H multilinguale Speech Recognition und Text-to-Speech sowie Technologie zur Konversion von analoger (Sprach-)Information ins Digitale und umgekehrt liefern sollte. Im November 1992 folgte die dritte Investmentrunde. L&H gab 3,8 Millionen neuer Aktien aus zu 3 Dollar das Stück und fand eine Gruppe von Angel-Investoren, die sich auf die Finanzierung riskanter Technologieunternehmen spezialisiert hatten. Außerdem wurden eine Million Optionsscheine an leitende Mitarbeiter ausgegeben, der bis 1995 noch einmal 2 Millionen Optionen folgten.

1993 – 1995: Suche nach einem potenten Investor

Ab dem Beginn des Jahres 1993 suchte L&H nach einem international bedeutenden, strategischen Partner unter seinen Kunden. AT&T, der größte mögliche Kunde, gleichzeitig ein ernstzunehmender Wettbewerber mit umfassender, aus eigener Kraft finanzierter Forschungsabteilung, erschien als der ideale Kandidat. Nach acht Monaten intensiver Verhandlung und Prüfung jedes noch so kleinen Aspektes konnte L&H im September 1993 den Abschluss eines Vertrages mit AT&T bekanntmachen: Dessen Wert bestand nicht nur aus einer 10-Millionen-Dollar Finanzspritze, sondern vor allem in dem erheblich gestiegenen Ansehen am Markt, das mit dem Vertrauensbeweis durch AT&T einherging. In Folge konnte L&H innerhalb weniger Monate Lizenzverträge mit einer Reihe großer Telekom-Firmen abschließen, darunter Northern Telecom und Deutsche Telekom.

Allerdings konnten diese Absatzerfolge am inzwischen wohlbekannten Bild der jährlichen Gewinn- und Verlustrechnung nichts ändern. Einnahmen in zu geringer Höhe wurden aufgezehrt und weit übertroffen von den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, so dass L&H auch das Jahr 1993 mit einem Verlust von 12,6 Millionen Dollar abschloss.

Eine weitere Finanzierungsrunde im Jahr 1994 brachte 6,4 Mio. Dollar in die Kasse. Ferner begab L&H Schuldverschreibungen im Wert von 20 Mio Dollar an kleine, private Investoren. Diese sollten automatisch in Stammaktien der dann börsennotierten L&H umgewandelt werden, wenn die Firma vor 1997 an die Börse gehen sollte.

Regionalstolz fördert das Wachstum von L&H

Neben der bewundernswerten, eigenen Fähigkeit von Jo Lernout und Pol Hauspie, immer wieder aus ganz unterschiedlichen Quellen Geld einzuwerben, gab es zwei weitere, extrem wertvolle Triebkräfte für die Entwicklung von L&H: Das eine war lokaler bzw. nationaler Stolz. Wie fast in ganz Europa, beneidete man auch in Belgien die amerikanische Maschinerie, die aus Technologie bzw. den Ideen dazu Vermögen machte – Silicon Valley genannt. Und nun standen hier zwei Individuen, Menschen “wie Du und Ich”, die angetreten waren, aus einer ländlichen Gegend in Flandern das weltweite Silicon Valley der Sprachtechnologie zu machen. Schon bald errichtete die Regierung von Flandern eine steuerfreie Zone, nannte sie etwas großspurig das “Flanders Language Valley” und überschüttete L&H mit Fördergeldern.

Die ganze Gegend um Yper begeisterte sich für die Idee: Ein weltweit führendes Zentrum für die Entwicklung modernster Sprachtechnologie sollte in Yper entstehen und Arbeitsplätze schaffen, Infrastruktur aufbauen und den Absatz lokaler Kaufleute und Gewerbetreibender ankurbeln. Diese Begeisterung übertrug sich rasch auch auf die lokalen Banken, Behörden und letztlich auch die flämische, später auch die belgische Regierung. Die Firma profitierte davon in vielerlei Hinsicht. Die Regionalregierung von Flandern wurde über eine Risikokapitalfirma zu einem der wichtigsten Investoren von L&H überhaupt. Als es wieder einmal ganz schlecht stand um die Zahlungsfähigkeit der Firma, übernahm die Regierung eine Bürgschaft für 75% eines Bankdarlehens. “Ohne das”, sagte Jo Lernout später, “wären wir pleite gegangen“.

Die besonderen Fähigkeiten des Paul Hauspie

Der zweite Grund, warum die Firma überleben konnte, war ein komplexes Finanzierungsgebilde, das sich Pol Hauspie ausgedacht hatte. Der eher wortkarge, frühere Steuerberater baute eine verschlungene Holding-Struktur auf, die es den Gründern erlaubte, das Sagen im Unternehmen zu behalten, während man gleichzeitig viele Minderheitsbeteiligungen verkaufen konnte.

“Sich solche Firmengebilde auszudenken, ist Pol’s wahre Stärke”, sagte Jo Lernout einmal. “Er ist in dieser Hinsicht sehr kreativ. Rechtlich ist alles in Ordnung, und es hilft uns zu überleben.” Im Nachhinein, gab Lernout später zu, nährte diese Komplexität jedoch auch gehöriges Misstrauen gegenüber dem Unternehmen. “Für Außenstehende”, sagte er, “sieht es aus wie Betrug. Es ist aber keiner”.

1994 und 1995: Rasches Wachstum

Die Jahre 1994 und 1995 waren eine Zeit raschen Wachstums, das sich auf zahlreiche neue Lizenzgeschäfte stützte: Ende 1995 hatte L&H 400 OEM-Verträge unter Dach und Fach, die es anderen Firmen erlaubten, L&H Sprachtechnologielösungen in die eigenen Produkte zu integrieren, sowie ungefähr 600 Vereinbarungen mit Endkunden. Im September und Oktober 1995 schloss L&H Verträge mit vier wichtigen, strategischen Partnern: Dem ägyptischen Sprachspezialisten Al Alamia, einer israelischen Venture Capital Firma, der US-Firma Quarterdeck und dem japanischen Großunternehmen Yamaha/Intec. Bei den Vereinbarungen handelte es sich i.d.R. um Joint Ventures, zu denen L&H seine Sprachtechnologie beisteuerte, um z.B. Lösungen in Arabisch oder Japanisch zu entwickeln.

Börseneinführung Dezember 1995

Am 11. Oktober 1995 reichte L&H bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC den Antrag auf Börsenzulassung an der NASDAQ ein. Anfang November kam grünes Licht. In den folgenden drei Wochen waren die Firmengründer gemeinsam mit den Emissionsbegleitern Hambrecht&Quist und S.G.Cohen in den Vereinigten Staaten und Europa unterwegs, um potente Anleger zu finden und davon zu überzeugen, dass L&H sich zu einem Spitzenunternehmen auf dem Börsenparkett entwickeln würde. Die Fakten sprachen nicht gerade für diese Argumente: L&H hatten in den sieben Jahren seiner Geschichte noch keinen Dollar Gewinn ausgewiesen; hinzu kam, dass ziemlich unsicher war, wie sich der Markt entwickeln würde und wie viel die Produktentwicklung bis zur wirklichen Marktreife noch kosten würde.
“Eine natürlich-sprachliche Schnittstelle zwischen Mensch und Computer ist die nächste große Entwicklungswelle in der IT-Industrie”, prophezeite ein Analyst, “ein Markt mit dem Potenzial für viele Milliarden Dollar”.

Diese Argumente stuften L&H eindeutig als riskantes Investment ein. Diese Einschätzung wurde bestätigt von professionellen Analysten, die L&H auf einer Skala von 0 – 12 bei mageren 5 Punkten einreihten. Hinzu kam Ende des Jahres 1995 ein scharfer Wettbewerb unter den Börsenaspiranten. Der November war einer der aktivsten Monate überhaupt gewesen mit durchschnittlich drei Börsengängen pro Tag und der Dezember ließ noch mehr Aktivität erwarten. Diese Entwicklung konnte sich als Vorteil für L&H erweisen, weil darin zum Ausdruck kam, dass der Markt bereit war, auch riskante Börsenneulinge aufzunehmen. Dagegen sprach allerdings, dass Sprachtechnologiefirmen, die bereits börsennotiert waren, gerade in diesen Wochen einen Werteverlust von 38% hinnehmen mussten. Es war daher alles andere als leicht, den Einführungspreis festzusetzen. Mit 11 Dollar pro Aktie, auf die man sich schließlich einigte, lag er am unteren Ende der Erwartungen von Lernout&Hauspie. Sie stimmten dem Vorschlag dennoch zu und L&H ging Anfang Dezember 1995 in New York erfolgreich an die Börse.

Geschäftsanbahnung zwischen Bodenkamp und Lernout&Hauspie

Was machte die METAL-Etnwicklungsschmiede GMS zu dieser Zeit?

Zur gleichen Zeit – 1994 /1995 – ergaben sich für die neu gegründete Firma GMS, die METAL-Entwicklungsschmiede, einschneidende Veränderungen: Im Jahre 1994 hatte man noch alle Hände voll zu tun, einerseits mit der weiteren Portierung von METAL auf die Windows-Plattform, andererseits mit dem russisch-deutschen Übersetzungsprojekt. Das Projekt MIROSLAV (Maschine Translation Initiative for Russian and other Slavic Languages) verfolgte die Entwicklung eines Prototypen für die maschinelle Übersetzung Russisch-Deutsch und umgekehrt. Projektpartner waren die GMS Gesellschaft für multilinguale Systeme mbH, Berlin, die Sietec in München, das Institut für slawische Philologie der Humboldt-Universität Berlin und der Lehrstuhl für Informationswissenschaft an der Universität Regensburg. Es sollte allerdings noch weitere zwei Jahre dauern, bis das russisch-deutsche Übersetzungssystem auf der Basis von METAL reif war für den Einsatz im Echtbetrieb.

Das Ende von METAL bei Siemens

Siemens, der wesentliche Auftraggeber der Firma GMS, hatte im Jahr 1994 wichtige Entscheidungen bezüglich seines maschinellen Übersetzungssystems getroffen. Das Entwicklungszentrum für METAL in Austin war geschlossen worden, die Entwicklungsgruppe rund um Dr. Schneider von Siemens ausgelagert worden in die Sietec. Im Feuer standen geschätzte 50 Millionen Mark, die Siemens bisher in die Entwicklung von METAL investiert hatte. Kurzfristig bestanden keine Aussichten, dieses Geld durch Produktverkäufe wieder hereinzuholen. Bei Sietec suchte man daher nach neuen Wegen, um METAL zu vermarkten. Dr. Schneider, bei Sietec Leiter der linguistischen Abteilung sprach von einer Orientierung jenseits des engen und schwierigen Übersetzungsmarktes. Er entwickelte Visionen über den Einsatz von METAL-Komponenten bei der Suche in Informationssystemen, von der Steuerung von Nachrichten an bestimmte Übersetzer-Arbeitsplätze in Abhängigkeit von der verwendeten Sprache bzw. dem erkannten Inhalt (Message Routing), von der Möglichkeit, Fakten aus einem Text automatisch zu erkennen und zu extrahieren oder von Grammatik- und Rechtschreibprüfprogrammen für den Endnutzer. Inhaltliche Übereinstimmungen mit dem aktuellen Bedarf des BND dürften kein Zufall gewesen sein. Einem Journalisten des Language Industry Monitor gegenüber deutete er an, dass Verhandlungen mit einem “sehr großen deutschen Kaufinteressen” weit gediehen seien, der ein Information Retrieval System auf der Basis von METAL aufbauen wolle.

Auch Rainer Teng, bei Sietec der Verantwortliche für Verkauf und Marketing der linguistischen Systeme, kannte die Schwierigkeiten bei der Vermarktung eines Systems wie METAL aus dem FF. Er erwähnte die Tatsache, dass METAL-Anwender ziemlich viel Unterstützung benötigen, dass die Entscheidungszyklen bei potenziellen Kunden sehr lang seien und hob in diesem Zusammenhang als besonderes drastisches Beispiel die schweizerische Luftwaffe hervor, mit der man fünf Jahre verhandelt habe. Teng - ganz Vertriebsmann – vergaß natürlich nicht, im Gespräch mit dem Language Industry Monitor die Fortschritte zu erwähnen: So z.B. Katalanisch und ggf. auch Arabisch als neue Sprachen und die Tatsache, dass viele Sprachpaare unter Beteiligung von Drittparteien – und damit kostengünstiger für Sietec – entwickelt wurden.

Der Mutterkonzern Siemens jedoch hatte sich aus dem Geschäftsabschluss des Vorjahres – 1993 – mit einem Verlust von 600 Millionen Mark auseinander zu setzen. Sietec selbst war zwar profitabel, doch musste man in der linguistischen Abteilung durchaus damit rechnen, wieder einmal das “schaff es oder lass es” Argument entgegen gehalten zu bekommen, wie dies in jener Zeit ungefähr alle drei Jahre ja vielen Entwicklungsgruppen innerhalb des Siemens-Konzerns widerfuhr.

Ein Jahr später war es soweit: Eine Unternehmensberatung, von Siemens beauftragt mit der Abschätzung der Erfolgsaussichten für die sprachtechnlogischen Produkte, kam zu dem Ergebnis, dass METAL aufgrund seiner Bindung an spezifische Hardware nicht (ausreichend) konkurrenzfähig sei. Der Markt verlange moderne, PC-gestützte Systeme. Siemens beschloss daraufhin, sich von diesem Entwicklungszweig zu trennen.

Das lesen Sie im nächsten Beitrag …

Bodenkamp kauft sich METAL | Wirtschaftliche Schwierigkeiten für die GMS und Hilfe in letzter Sekunde | Der Umsatzmotor von L&H springt an: (1) Dictation Consortium | (2) Brussels Transaltion Group | METAL und/oder Bodenkamp und/oder die GMS sind immer irgendwie dabei …

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Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie

2 + 2 = 5! Technologiebeschaffung nach Art des BND

Sämtliche bisher erschienenen Beiträge dieser Serie

Teil I: Der BND, Lernout & Hauspie und die Sprachen der Seidenstraße…

I.1 Einleitung
I.2 BND und Sprachtechnologie
I.3: BND und strategische Telekommunikationsüberwachung
I.4: Die Anfänge von Lernout&Hauspie und das Ende von METAL
I.5: Der Umsatzmotor springt an bei L&H und Bodenkamp ist immer dabei
I.6: Was Bodenkamp (und der BND) mit dem größten Borsenbetrugsfall in Europa zu tun haben

Teil II: Der BND, Polygon und das Europol-System

II.1: Der BND, die EU-Projekte und das Europol-System
II.2: Bodenkamp: Am Ende steht ein Strafbefehl

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