Technologiebeschaffung nach Art des BND (I.5):
Der Umsatzmotor springt an bei L&H und Bodenkamp ist immer dabei

6. August 2013 | Von | Kategorie: ZWEI PLUS ZWEI IST FÜNF

Bodenkamp kauft sich METAL

Mit der Einstellung der METAL-Entwicklung durch Siemens stand das Amt für Auslandsfragen (AfA) ohne seinen Technologielieferanten da und die GMS ohne den Lizenzgeber, da das Russisch-Projekt auf der Basis einer Lizenz von METAL entwickelt wurde: Krisenmanagement war also angesagt, um METAL und das Know-How der Entwickler für das AfA zu retten. Über das ‘Wie’ dieser Auffangaktion gibt es unterschiedliche Berichtsfassungen: Bodenkamp behauptete, er habe Siemens die Rechte an METAL “für eine Mark” abgekauft. Das Gleiche war von Van Driesten zu hören, dem Gesellschafter-Geschäftsführer der GMS: Auch er will Siemens die Rechte “für eine Mark” abgekauft haben, allerdings verbunden mit der Verpflichtung, die Entwicklungsgruppe von Siemens/Sietec zu übernehmen. Wie auch immer es tatsächlich war: Tatsache ist, dass die Firma GMS von Berlin nach München umzog und in einem Bürokomplex in der Balanstraße nahe dem Ostbahnhof ihr Hauptquartier bezog. Hier erhielt sie weitere personelle Unterstützung von Seiten ehemaliger oder noch aktiver BND-Mitarbeiter: Bernard Olthues, ein ehemaliger Agent des BND, der, wie Schmidt-Eenbohm berichtet, unter dem früheren Decknamen PAMOS für den BND in Athen gearbeitet hatte, fungierte für die GMS als eine Art “Chief Operating Officer” und bezeichnete sich auch so. Eine gewisse ‘Hanni Münzer’ (Deckname) findet sich in Dokumenten jener Zeit im Internet als Marketing-Mitarbeiterin der GMS. Sie wird uns später wieder begegnen als “Sekretärin” bei Radial und Assistentin im Office des Sensus-Büros.

Bodenkamp selbst ging in den Räumen der GMS ein und aus.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten bei der GMS

Nach der zwangsweisen Loslösung vom Mutterschiff Siemens stand die GMS auf ziemlich verlorenem Posten. Nicht, dass nichts zu tun gewesen wäre: Ganz im Gegenteil: Die von Siemens übernommenen METAL-Kunden wollten betreut sein, die Portierung von METAL auf Windows-Systeme musste zum Abschluss gebracht werden, um (endlich) an leichter verkäufliche Produkte denken zu können und nicht zuletzt galt es auch noch, auf die Fortschritte des Wettbewerbs zu achten.

Viel Arbeit heißt jedoch noch lange nicht viel Geld: Und an letzterem fehlte es an allen Ecken und Enden. Immerhin schon an die fünfzig Mitarbeiter wollten am Monatsende ihren Gehaltsscheck sehen, ebenso der Vermieter seine Überweisung, bis zum nächsten 10. bzw. 15. waren dann die Lohnsteuer an das Finanzamt und die Sozialversicherungsbeiträge an die Krankenkassen zu bezahlen. Wie in dieser Entwicklungsphase einer Firma üblich, verlangten die Techniker nach neuer bzw. modernerer Hardware und Software, das Marketing rief nach Mitteln, vom Vertrieb trudelten die Reisekostenabrechnungen ein; kurz: Es war für die Geschäftsleitung ein ständiger Parforceritt.

Wiederholt, erzählte Bodenkamp später, waren die liquiden Mittel der Firma so knapp, dass die Sozialversicherungsbeiträge nicht bezahlt werden konnten und der Inkassobeauftragte der Krankenkasse vor der Türe stand. Nur durch seine Intervention, bei der er den “offiziellen Hut” als hochrangiger Angehöriger des Bundesnachrichtendienstes bzw. einer Legendenbehörde aufsetzte, sei es ihm dann gelungen, Vollstreckungsmaßnahmen zu verhindern.

Dass die Firma in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, ist auch objektiv nachvollziehbar. Denn selbst mit den Rechten an METAL in der Hand war an kurzfristige Verkaufserlöse und eine entsprechende Liquiditätsverbesserung nicht zu denken, denn es gab ja kein Produkt. Allenfalls im Projektgeschäft konnte man an den Einsatz von METAL denken.

Die Geschäftsleitung der GMS traf in diese Situation zwei Entscheidungen: Zum einen arbeitete man mit Hochdruck weiter an der Portierung von METAL auf eine PC-Plattform unter MS-Windows. Und zweitens gelang es, in der Firma Langenscheidt einen strategischen Kunden zu finden, mit dem zusammen ein neues Produkt auf der Basis von METAL herausgebracht werden konnte: Sein Name war T1, ein PC-gestütztes Wörterbuch für Englisch-Deutsch, das auf der Cebit 1996 vorgestellt wurde. Damit war ein Stückchen von METAL zwar im Markt der “Shrinkwrap”-Produkte angekommen. Die Verkaufserlöse aus dem T1-Geschäft (ca. 250 Mark Endverkaufspreis) dürften jedoch bei weitem nicht ausreichend gewesen sein, um eine Firma mit ca. 50 Mitarbeitern langfristig über Wasser zu halten.

Franco Formaccio – Hilfe in letzter Minute

Im Jahr 1996 war selbst dem größten Optimisten innerhalb der GMS klar, dass ohne eine größere Geldspritze von außen das Ende der Firma – bzw. für den eigenen Arbeitsplatz – recht nahe war. Erneut trat Bodenkamp auf den Plan: Er aktivierte dazu Franco Formaccio, angeblich einen früheren Nachbarn und guten persönlichen Freund. Wichtig an Formaccio war seine damalige Position: Er war nämlich Leiter der Filiale einer großen Geschäftsbank in Ottobrunn, einer Kleinstadt vor München mit hoher Konzentration von Technologie- bzw. Rüstungsfirmen. Gut verdienende Angestellte der ortsansässigen Technologie- und Rüstungsfirmen, wie MBB, EADS oder IABG – bildeten die wesentliche Klientel der von Formaccio geleiteten Zweigstelle. Und der schaffte es – irgendwie – für die GMS eine Finanzierung in Höhe von rd. 4 Mio. Mark zu besorgen. Damit war das Überleben und weitere Arbeiten der GMS für’s Erste gesichert.

Das Umsatz-Generierungs-Modell von Lernout& Hauspie

Umsatzmotor Nr. 1: Dictation Consortium (DC)

Ein dreiviertel Jahr nach der Börseneinführung von L&H, nämlich am 30. September 1996, wird in Belgien die Dictation Consortium N.V. gegründet. Gesellschafter sind der Flanders Language Valley Fund, sowie Mitglieder aus dem Management des FLV. Das Startkapital beträgt 10 Millionen belgische Francs, umgerechnet ca. ein Drittel einer Million Dollar.

Noch am Tag der Gründung schließt Dication Consortium (DC) einen Lizenzvertrag mit der Firma Lernout&Hauspie ab. DC erwirbt darin zum Preis von 5 Millionen Dollar (, also das Fünfzehnfache des eigenen Stammkapitals) das ausschließliche [sic!] Recht an der Speech-to-Text-Technologie von L&H.

Entwicklung von “Diktier”-Software / Speech-to-Text

Mit diesem Terminus technicus werden Programme bzw. Systeme zum “Diktieren” bezeichnet, etwas präziser ausgedrückt, Lösungen, die gesprochene Sprache in geschriebenen Text umwandeln, technisch gesagt “transkribieren”. Mancher Leser mag Startrek-Fan sein und sich an die Folge erinnern, in der Scotty die Mouse eines (aus seiner Sicht vorsintflutlichen, nämlich für uns Menschen modernen) PCs hochhebt, vor den Mund hält, und versucht, mit dem Computer zu sprechen. Das gibt die Vision hinter “Speech-to-Text” anschaulich wieder.

Natürlich ist Speech-to-Text ein Traum für den Computerbenutzer. Das lästige Eintippen würde wegfallen, wenn man den Brief einfach diktieren könnte, ebenso das Ärgern über Tippfehler und merkwürdiges Verhalten von Textprogrammen. Spracheingabe als Schnittstelle zwischen Mensch und Computer wäre wesentlich schneller als die bisherige Schnittstelle Tastatur. Und nicht zuletzt gibt es viele Einsatzgebiete, in denen Eintippen einfach nicht möglich ist: Man denke nur an die Medizin (Diktieren von Arztberichten, Anweisungen, etc.) oder an den Automotive-Bereich (Spracheingabe für Fahrzeugführer).
Große und namhafte Firmen, wie z.B. IBM und Philips, hatten bisher sehr viel Geld in die Entwicklung von “Diktierlösungen” gesteckt, auch war in Europa und in den Vereinigten Staaten viele Forschungsmittel in diesen Bereich investiert worden. In Amerika galt die Firma Dragon, neben IBM, als ein wichtiger Marktteilnehmer.

Warum sich eine gerade erst gegründete Firma, wie das Dictation Consortium, für den Bereich Speech-to-Text interessierte, darüber gibt es keine schriftlichen Darstellungen – was generell für den Auftritt der Firma Dictation in ihrer kurzen Lebenszeit gilt.

Warum allerdings Lernout&Hauspie eine ausschließliche [sic!] Lizenz für ein Bein in einem außerordentlich zukunftsträchtigen Marktsegment an eine völlig unbekannte Kleinfirma mit – im Vergleich zum Gesamtgeschäft – unverhältnismäßig geringer Kapitalausstattung vergibt, bleibt das Geheimnis der Geschäftsleitung von L&H. 5 Millionen Dollar jedoch, die man, kaum ein Jahr nach der Börseneinführung, als Umsatz ausweisen kann, sind allerdings auf jeden Fall ein starkes Argument.

Kaum sechs Wochen nach Abschluss dieses Vertrags rührte L&H ganz kräftig die PR-Trommel auf der Comdex in Las Vegas. Man habe einen wesentlichen Meilenstein bei der Entwicklung einer Diktierlösung für fließend-gesprochene Sprache [continuous speech] erreicht, heißt es in einer Pressemitteilung von L&H: Das System sei in der Lage, gesprochene große Zahlen ganz exakt umzusetzen, genauso wie Währungsangaben und andere Phrasen. Im Unterschied zu bestehenden Diktierlösungen sei das neue System sprecherunabhängig [speaker independent] und verlange nicht mehr nach zeitaufwändigen Trainings durch den einzelnen Diktierenden. Ferner sei ein “fortgeschrittener Signalverarbeitungsmodul” [ungenannter Herkunft] integriert worden, der es erlaube, das System auch in lärmintensiven Büroumgebungen [robust speech] zum Diktieren zu verwenden. Und dann wurde in der Pressemitteilung noch auf den Vertrag mit Dictation Consortium verwiesen, bei der es sich um eine “privat finanziertes Unternehmen” handele, das “branchenspezifische Diktiersysteme” für fließend-gesprochene Sprache herstellen wolle. Wäre der BND offizieller Kunde bei L&H gewesen: Er hätte sich freuen können darüber, wie viele seiner wesentlichen Anforderungen im Rahmen der Telekommunikationsüberwachung damit schon umgesetzt waren …

Weitere sechs Wochen später, Ende Dezember 1996, zeigte sich Dictation Consortium für den Jahresabschluss von L&H als noch größerer Glücksgriff, als bisher angenommen. Es wurde nämlich ein weiterer Vertrag zwischen beiden Firmen abgeschlossen, diesmal mit einem Volumen von 25 Millionen Dollar. L&H sollte im Auftrag von Dictation Consortium dafür “Diktiersoftware” entwickeln. Wir erinnern uns, dass DC aus dem September-Vertrag bereits die exklusive Lizenz an der Technologie an sich hielt und nun – offensichtlich als Werkleistung – auf dieser Basis Lösungen entwickeln ließ. L&H würde nach dieser Konstruktion zwar 5 + 25 Millionen Dollar Umsatz zu verbuchen haben, jedoch keinerlei Rechte mehr an seiner (eigenen) Technologie oder Produkten im zukunftsträchtigen Markt für Diktiersoftware haben.

Dessen ungeachtet, investierte Lernout&Hauspie schon vier Monate später erneut und kaufte für 53 Millionen Dollar die amerikanische Firma Kurzweil, einen Spezialisten für Windows-basierte Diktiersysteme für den medizinischen und andere, generische Einsatzbereiche. Kurzweil hatte sich schon seit längerem in Turbulenzen befunden. In der Presse wurden offen darüber spekuliert , dass L&H diese Erwerbung tätigte im Hinblick auf die eingegangenen Verpflichtungen gegenüber dem Dictation Consortium. Auch wurde gemutmaßt, dass sich Dictation möglicherweise in einer Höhe von bis zu 26 Millionen Dollar an der Kurzweil-Erwerbung beteiligen würde.

Von Deun und die geheimnisvolle Cevennes S.A.

Für eine Firma mit anfangs ca. 133.000 Dollar Startkapital waren 25 weitere Millionen Dollar natürlich ein sehr großer Brocken. Im ersten Quartal 1997 gab es bei Dictation Consortium daher eine Kapitalerhöhung und Aufnahme eines neuen Gesellschafters, der luxembourgischen Firma Cevennes S.A. Hinter Cevennes steckten vermögende Investorenfamilien, die angeworben worden waren und vertreten wurden vom belgischen Banker Van Deun. Van Deun sollte sich in der Folgezeit zu einem wichtigen Verbindungsglied zwischen Lernout&Hauspie und Herrn Bodenkamp vom BND entwickeln.

Was kann ein Nachrichtendienst mit ‘Diktiersoftware’ anfangen?

Mit einer funktionierenden Diktierlösung, wie sie das Dictation Consortium bei Lernout&Hauspie in Auftrag gegeben hatte, wären auch einige Probleme beim Bundesnachrichtendienst (und anderen Nachrichtendiensten mit ähnlichen Aufgaben) einer Lösung ein gutes Stück näher gekommen: Denn dort hatte man mit der Schwierigkeit zu kämpfen, von der Politik mehr Aufgaben zugewiesen bekommen zu haben, als technisch aktuell lösbar waren: Im Bericht des so genannten G10-Gremiums des Deutschen Bundestages heißt es über den Berichtszeitraum Juni 1996 bis Dezember 1997, dass

“die Erfassung von Sprachverkehren [durch den Bundesnachrichtendienst] … aus technischen Gründen für die nächste Zeit auf Ausnahmefälle beschränkt bleiben [muss].”

Mögliche technische Gründe für die Probleme des BND

  • Sprecherunabhängigkeit [Speaker independence]: Diktiersysteme nach dem damaligen Stand der Technik waren nicht sprecherunabhängig, sondern mussten – relativ zeitaufwändig – auf die Ausspracheeigenschaften des jeweiligen Sprechers trainiert werden. Heimlich mitgehörter Sprachverkehr über Telefonleitungen konnte diese Anforderungen natürlich nicht erfüllen. Umso interessanter dürfte es auch für den BND gewesen sein, zu erfahren, dass eine kleine Firma in Belgien ein Produkt entwickeln läßt, das “Sprecherunabhängigkeit” verspricht.
  • Fließend gesprochene Sprache [discrete speech]: Diktiersysteme nach dem damaligen Stand der Technik erwarteten eine klare, “diktathafte”, wortweise Ansage des Textes. Daran hält sich natürlich niemand am Telefon, der abgehört wird, ohne es zu wissen. “Continous speech” müßte das zweite Leistungsmerkmal der neuen für DC entwickelten Lösung gewesen sein. Hatte er doch just auch dieses Problem beim Abhören von Telefonaten.
  • Hintergrundgeräusche [robust speech]: Telefonate werden i.d.R. nicht in “Reinraum”-Situationen geführt, sondern auch auf Bahnsteigen, in Flughafenhallen, in Restaurants oder im Büro, während andere sprechen. Diese Hintergrundgeräusche, wie auch das Rauschen auf der Leitung bei Fernverbindungen und internationalen Verbindungen beeinträchtigt ganz erheblich das “Verständnis” der Diktiersoftware. Der von Lernout&Hauspie beschriebene, “integrierte, fortgeschrittene Signalverarbeitungsmodul” müßte daher auch beim BND große Begehrlichkeit an einer solchen Lösung geweckt haben.

Doch leider hatte ja die Firma Dictation Consortium die Exklusivrechte gekauft und den Weiterentwicklungsauftrag erteilt …

Im Vorgriff auf die weitere Entwicklung sei schon hier erwähnt, dass Lernout&Hauspie im Juni 1998 die gesamte Firma Dictation Consortium aufkaufte (und damit, wie man vermuten kann, auch die Rechte an der Technologie und den entwickelten Produkten zurück erwarb). Dies geschah, zur großen Verwunderung von Analysten und Investoren, noch bevor irgendein greifbares Ergebnis der Entwicklungsarbeiten von Lernout&Hauspie für Dictation erkennbar war. Die Gesellschafter des Dictation Consortiums N.V. erhielten zusammen für ihre Anteile den stolzen Betrag von 43,3 Millionen Dollar. Spätestens ab diesem Zeitpunkt – bzw. der Fertigstellung der lange angekündigten Lösung für robust continous speech – hätte der Bundesnachrichtendienst also bei Lernout&Hauspie einkaufen können. Von einem solchen Geschäft allerdings verlautete aus der ansonsten in Marketing- und PR-Dingen nicht gerade zurückhaltenden Firma L&H kein Sterbenswörtchen….

Umsatzmotor Nr. 2: Brussels Translation Group (BTG)

Wir befinden uns im Frühjahr 1997, kaum einen Monat, nachdem L&H seinen ‘Big Deal’ mit dem Dictation Consortium gemacht hatte. Dort bemühte man sich noch immer, den bisher nicht gedeckten Anteil am Kaufpreis aufzutreiben. Mit der luxemburgischen Firma Cevennes S.A. fand sich ein Geldgeber, der bereit und in der Lage war, 135 Millionen belgischen Francs bzw. ca. 4,5 Millionen Dollar als Kapitalerhöhung in die Dictation Consortium N.V. einzubringen . Die Hintergründe dieser Firma Cevennes sind nicht zu durchleuchten. Das Wall Street Journal schreibt dazu später, dass sich die Spuren der Gesellschafter auf den britischen Kanalinseln verlieren.

Wenige Wochen später wurde die Firma Cevennes S.A. erneut im Umfeld von Lernout&Hauspie aktiv: Am 13. März 1997 wurde die Brussels Translation Group N.V. gegründet. Einer ihrer beiden Gründungsgesellschafter ist die Firma Cevennes S.A. aus Luxembourg; der zweite Anteilseigener eine Unternehmensberatung aus Arendonk mit den Namen “van Deun Consult” . Noch am Tag ihrer Gründung schloss die Brussels Translation Group (BTG) mit Lernout&Hauspie einen Lizenzvertrag in Höhe von 3,5 Millionen Dollar.

Vier Tage später bereits, am 17. März 1997, weiß TechNews Erstaunliches zu berichten: Demnach soll Lernout&Hauspie auf der Cebit einen Vertrag mit der BTG in Höhe von 35 Millionen Dollar öffentlich gemacht haben, um Übersetzungslösungen für das Internet in diversen Sprachpaaren zu entwickeln. Was daran erstaunlich ist, jedenfalls für den kundigen Laien, sind Zeitpunkt wie auch Inhalt der Veröffentlichung. Denn im März 1997 besaß L&H gar nicht die technologische Plattform, um einen solchen Vertrag erfüllen zu können. L&H hatte zwar in den vorangehenden Monaten viele kleine und größere Firmen aufgekauft, die Übersetzungsdienstleistungen anboten oder über spezifische Kenntnisse mit ganz bestimmten Sprachen verfügten. L&H besaß jedoch keine Software/Technologie für die maschinelle Übersetzung, ein System also, wie es z.B. METAL darstellte. Die Rechte an METAL befanden sich zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses mit der BTG weiterhin in München bei der Firma GMS, auch wenn das Produkt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr METAL hieß und auch nicht mehr T1, sondern jetzt als “iTranslator” bezeichnet wurde. Wir erinnern uns. Es handelt sich um die ursprünglich in Texas entwickelte Software für maschinelle Übersetzung, die dann von Siemens übernommen, jedoch im Jahr 1995 eingestampft wurde. Sowohl Bodenkamp als auch die GMS behaupteten, die Rechte daran für “eine Mark” von Siemens gekauft zu haben.

Lernout&Hauspie kauft die GMS

Mitte März 1997, als Lernout&Hauspie hinsichtlich des Erwerbs der Rechte an Übersetzungstechnologie bereits öffentlich von vollendeten Tatsachen sprach, führte der Geschäftsführer der GMS, Peer van Driesten, nach eigener Aussage nur “Gespräche” mit Lernout&Hauspie auf der Cebit. Doch scheinen sich die konkreten Verhandlungen hingezogen zu haben: Denn erst acht Wochen später, am 27. Mai 1997, gab Lernout&Hauspie eine Pressemitteilung heraus, in der mitgeteilt wurde, dass L&H alle Anteile an der GMS – Gesellschaft für multilinguale Systeme mbH – in München erworben habe und zwar zu einem Preis von 10,7 Millionen Dollar in bar und weiteren ca. 4 Millionen in Aktien. Die 55 Mitarbeiter der GMS, “hochgradig erfahrene Linguisten und Spezialisten für maschinelle Übersetzung” würden von L&H übernommen. Wesentlicher Grund für die Erwerbung, heißt es in der Pressemitteilung weiter, sei die Technologie T1 der GMS gewesen, die auf einer gut bekannten, sehr angesehenen und robusten Technologieplattform für maschinelle Übersetzung namens METAL beruhe. T1 biete die gleichen linguistischen Leistungsmerkmale wie METAL, sei aber besser geeignet für den Einsatz im Internet bzw. Intranet … da [METAL] von der GMS in C++ portiert worden sei, um auf Windows-NT und Windows-95-Systemen eingesetzt werden zu können.

Erstaunlicherweise sieht und hört man niemals irgendwelche Proteste oder Kommentare vom Amt für Auslandsfragen oder von Bodenkamp zum “Ausverkauf” der METAL-Plattform an eine belgische Firma.

Stephan Bodenkamp wird technischer Berater der Brussels Translation Group

Der Grund mag darin liegen, dass ein gewisser “Stephan Bodenkamp” auch bei der Brussels Translation Group als technischer Berater auftaucht. So jedenfalls äußert sich später van Deun gegenüber dem Wall Street Journal und wird diese Darstellung auch von Jo Lernout und Nico Willaert [einem Mitglied der Geschäftsleitung von L&H] bestätigt. Willaert erklärt im Dezember 2007 dem belgischen Journalisten René de Witte, dass es Bodenkamp war, der die Sprachpaare vorgab, die von L&H für die BTG entwickelt werden sollten.

Wenige Tage nach der Erwerbung der GMS wird der Vertrag zwischen L&H und der BTG ganz erheblich erweitert: Die Lizenzgebühr beträgt nun nicht mehr 3,5 sondern 5 Millionen Dollar. Das erscheint gerechtfertigt, nachdem L&H inzwischen ja tatsächlich eine Technologie besitzt, an der es Lizenzen vergeben kann. Gleichzeitig wird geregelt, dass Lernout&Hauspie für die BTG Sprachpaare entwickeln soll und dafür insgesamt 30 Millionen Dollar erhalten soll.
Was sich oben recht kompliziert darstellt, ist in der konkreten Abwicklung wesentlich einfacher. Die einschneidendste, äußerliche Veränderung bestand im Austausch des Türschilds. Wo man bisher bei “GMS” in der Balanstraße geklingelt hatte, stand nun “L&H Language Technology …“ dran. Peer van Driesten, der bisherige Gesellschafter-Geschäftsführer von GMS fungierte bald darauf als President dieser neuen Division von L&H, die Mannschaft wurde – dies dürfte als größte Erleichterung empfunden worden sein – nunmehr aus dem Geldbeutel von L&H bezahlt.

Ansonsten änderte sich nicht viel. Stephan Bodenkamp ging nach wie vor in der Balanstraße ein und aus – in seiner Eigenschaft als “technischer Berater” des L&H-Kunden BTG schaffte er an und die METAL-Spezialisten erledigten seine Aufträge.

Was da – im Auftrag der BTG be- und erarbeitet wurde, war logisch der nächste Entwicklungsbaustein für ein möglichst multi-lingual einsetzbares maschinelles Übersetzungswerkzeug, wie METAL. Die Portierung auf Windows war inzwischen abgeschlossen, das System somit auf handelsüblicher Hardware einsetzbar. Was nun fehlte, waren Sprachressourcen, was man sich vorstellen kann wie maschinell lesbare Lexika, die der Übersetzungs-Software zur Verfügung stehen müssen, damit sie von Sprache A nach Sprache B korrekt übersetzen kann. Nach den Vorgaben von Bodenkamp hatte die BTG bei Lernout&Hauspie Sprachressourcen bestellt für die wesentlichen europäischen Sprachen, sowie wichtige Sprachpaare für Russisch, Arabisch, Japanisch, Koreanisch und Chinesisch. Im folgenden dreiviertel Jahr tat sich nicht viel bei der GMS oder Lernout&Hauspie, was im hier relevanten Zusammenhang erwähnt werden müßte.

Das lesen Sie im nächsten Beitrag …

Denn in dieser Phase eröffnete Bodenkamp ein neues Geschäftsfeld für sich: Multilinguale polizeiliche Informationssysteme für die Polizei- und Sicherheitsbehörden in der Europäischen Union. Und nebenbei kümmerte er sich um den Aufbau der Firmengruppe Radial, die das Umsatzkarussel bei Lernout&Hauspie erst so richtig in Schwung brachte.

__________________________________________________________________________________________________________________

Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie

2 + 2 = 5! Technologiebeschaffung nach Art des BND

Sämtliche bisher erschienenen Beiträge dieser Serie

Teil I: Der BND, Lernout & Hauspie und die Sprachen der Seidenstraße…

I.1 Einleitung
I.2 BND und Sprachtechnologie
I.3: BND und strategische Telekommunikationsüberwachung
I.4: Die Anfänge von Lernout&Hauspie und das Ende von METAL
I.5: Der Umsatzmotor springt an bei L&H und Bodenkamp ist immer dabei
I.6: Was Bodenkamp (und der BND) mit dem größten Borsenbetrugsfall in Europa zu tun haben

Teil II: Der BND, Polygon und das Europol-System

II.1: Der BND, die EU-Projekte und das Europol-System
II.2: Bodenkamp: Am Ende steht ein Strafbefehl

Schlagworte: , , , , , ,

Kommentare sind geschlossen