Technologiebeschaffung nach Art des BND (I.6): Was Bodenkamp (und der BND) mit dem größten Börsenbetrugsfall in Europa zu tun haben

12. August 2013 | Von | Kategorie: ZWEI PLUS ZWEI IST FÜNF

Das AfA als Teilnehmer an F&E-Projekten der EU

Auch Bodenkamp hatte freie Kapazitäten, die er einem weiteren Interessengebiet widmete, nämlich multilingualen Informationssystemen für Polizei- und Sicherheitsbehörden. Das von ihm vertretene Amt für Auslandsfragen beteiligte sich zunächst am Forschungs- und Entwicklungsprojekt AVENTINUS der Europäischen Kommission, das die konzeptionellen Grundlagen legen sollte für eine multilinguales polizeiliches Informationssystem für die Polizeibehörden in Europa, insbesondere für Europol. Von dieser pan-europäischen Polizeibehörde gab es zur fraglichen Zeit nur einem Vorläufer namens “EDU – Europan Drugs Unit” unter Führung des Deutschen Jürgen Storbeck. EDU, ebenfalls Teilnehmer am AVENTINUS-Projekt, bereitete sich auf den Beginn der Arbeiten als Europol vor, die dann Mitte 1998 auch erfolgte. Die Planung und Entwicklung der Informationstechnischen Systeme bei Europol lag in den Händen eines bayerischen, Leitenden Kriminaldirektors namens K.E.S., der mit Stephan Bodenkamp bestens bekannt war. Auch war es kein Zufall, dass die Projekt-Leitung des Aventinus-Projektes bei der Firma GMS (bzw ihrem jeweiligen Firmennachfolger) lag und wahrgenommen wurde von Dr. Thurmair, einem der leitenden METAL-Entwickler. Der Projektname “AVENTINUS” sollte als Hommage an Thurmair betrachtet werden, von dem ein Namensvetter in einem früheren Jahrhundert als Dichter unter dem Namen “Aventinus” zu einer gewissen Berühmtheit gelangt war. [Ähnlichkeiten mit der Weißbier-Marke eines bekannten Münchner Brauhauses sind dagegen sicher reiner Zufall, auch wenn das Weiße Brauhaus in München Kulisse für die eine oder andere Projektbesprechung abgegeben hat.]

Das Projekt AVENTINUS wurde später fortgesetzt unter der Projektbezeichnung SENSUS, bei dem das in AVENTINUS erarbeitete Konzept für ein multilinguales Informationssystem bis zu einem funktionsfähigen Prototypen weiterentwickelt werden sollte. Bei SENSUS wurde dann Bodenkamp bzw. das AfA selbst der Projektleiter, die sprachtechnologische Seite wurde von GMS bzw. der aus der GMS hervorgegangenen Language Divison von Lernout&Hauspie betreut und Europol führte die Riege der Nutzervertreter an.

RADIAL und die LDCs

RADIAL Firmengründungen

Doch zurück zu Herrn Bodenkamp und seiner freien Kapazität. Was ihn ansonsten in dieser Zeit beschäftigte, war die weitere Umsetzung seines Geschäftskonzeptes, bei dem nun die Komplexe Marketing und Vertrieb auf der Tagesordnung standen. Durchaus berechtigt, war er der Meinung, dass Produkte, die zunächst für die Zwecke eines Nachrichtendienstes entwickelt wurden, auch für andere Nachrichtendienste von Interesse sein können, in ggf. geringfügig veränderter Form auch für sonstige Sicherheitsbehörden zum Einsatz kommen können und letztlich auch Komponenten davon für den freien Markt angeboten werden sollten. Dazu bedurfte es einer speziellen Firmenorganisation, die Bodenkamp und andere Mitstreiter in den folgenden Monaten aufbauten. Sie erhielt den Namen “RADIAL“.

Hintergrund, Ziele und das Angebot der Firmengruppe RADIAL standen seinerzeit auf der RADIAL-Webseite zu lesen und wurden von der Firma auch freizügig an Geschäftspartner verteilt. Lassen wir Herrn Bodenkamp bzw. RADIAL also mit eigenen Worten sprechen:


“Hintergrund
Während der letzten Jahre sind, allen Unkenrufen zum Trotz, erhebliche Fortschritte in der Verarbeitung natürlicher Sprachen gemacht worden. Leistungsfähigere Hardware, verbesserte linguistische Ansätze und die Verfügbarkeit von größeren lexikalischen Beständen haben dazu geführt, daß sich heute produktiv einsetzbare Systeme für Informationsgewinnung und mehrsprachige Kommunikation implementieren lassen.
Woran es jedoch mangelt, ist einmal die notwendige Information darüber, welche Tools, Systeme und sprachlichen Ressourcen überhaupt existieren, wie sie zu bewerten sind, und wie und mit welchem Aufwand sie in bestehende Umgebungen und Abläufe integriert werden können. Außerdem fehlt in vielen Projekten mit an sich durchaus sinnvollem Ansatz der Praxisbezug, und für einen Anwender ist ein natürlich-sprachliches System nur dann produktiv nutzbar, wenn es auf seine spezifischen Bedürfnisse hin zugeschnitten ist.

Nachdem die Basisentwicklung einer Sprachverarbeitung einen erheblichen Aufwand erfordert, richtet sich die Auswahl der behandelten Sprachen bei den Herstellern notwendigerweise danach, welche den größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg verheißen. Das wiederum bedeutet, daß Systeme für Sprachen, die im kommerzielten Bereich keine größere Rolle spielen, die aber für einzelne Anwender von strategischer Bedeutung sein können, auf dem Markt überhaupt nicht verfügbar sind. Solche Sprachen lassen sich in Einzelprojekten durchaus behandeln, doch bedarf es einer soliden technologischen Grundlage und der Erfahrung in industrieller Syatementwicklung, um in einem annehmbaren Zeitrahmen ein operatives System zu entwickeln.

Ziel
Aus der Analyse dieser Situation erwuchs die Entscheidung, mit RADIAL eine Firma zu gründen, die in der Lage ist, potentiellen Anwendern mit Beratung und Dienstleistungen praxisnah zu helfen. Hinter RADIAL steht ein internationales Netz von Büros und Experten, so daß das gesamte Spektrum der Sprachverarbeitung sowohl vom inhaltlichen her als auch unter geographischen Gesichtspunkten abgedeckt wird, Die technische Kompetenz der Firma stützt sich auf langjährige Erfahrungen in der Entwicklung und im Einsatz einer breiten Palette von technischen Hilfsmitteln bei der Verarbeitung natürlicher Sprache wie Maschineller Übersetzung, Informations-Extraktion, mehrsprachiger Volltextrecherche, Terminologie-Verwaltungsystemen usw. Für Entwicklungsprojekte hat RADIAL Zugriff auf eine Basiatechnologie, in die mehr als 1000 Personenjahre an Forschung und Entwicklung geflossen sind und die weltweit als technologisch führend gilt. Entwicklungsstandorte in mehreren europäischen Ländern und Partnerschaften mit außereuropäischen Institutionen garantieren, daß auch in kurzer Zeit neu zu bearbeitende Fremdsprachen kompetent behandelt werden können.
Als Resultat langjähriger Erfahrungen im eigenen produktiven Einsatz natürlich-sprachlicher Systeme und durch den engen Kontakt mit einer Vielzahl von Kunden verfügt RADIAL über extensives Wissen über die Bedürfnisse der Praxis. Die guten Kontakte zu Behörden, Industrie und Forschungsinstitutionen im Inland und Ausland eröffnen RADIAL zudem die Möglichkeit, Bedarf an und Verfügbarkeit von technischen Hilfsmitteln und sprachlichen Ressourcen frühzeitig zu erkennen und Technologietrends zu verfolgen.

Organisation
RADIAL ist als Netz eigenständiger, aber wirtschaftlich verbundener Unternehmen organisiert, die jeweils zusätzliche Büros in weiteren Ländern unterhalten können. So gibt es RADIAL-Firmen in Belgien (für den Benelux Raum und Liaison zu den dort angesiedelten internationalen Behörden), in Spanien (für die iberische Halbinsel und Liaison zu Südamerika), in den USA und in Deutschland Von dort aus werden über Verbindungsbüros auch die osteuropäischen Staaten betreut. Partner in Südostasien verschaffen Zugang zu relevanten Informationen und fungieren daneben als Entwicklungsstellen von Komponenten für Sprachen aus diesem Raum.
RADIAL unterhalt eine kleine Kernmannschaft, die das Projektmanagement übernimmt und die Basistechnologie weiterentwickelt und pflegt. Dazu werden für die einzelnen Projekte Spezialisten verpflichtet, sei es für eine besondere Softwareentwicklung, für sprachspezifische Komponenten oder für sonstige Anforderungen des Kunden. Da RADIAL nach den Standards industrieller Prozeßtechnologie arbeitet und langjährige Erfahrung im Management komplexer Projekte hat, ist gewährleistet, daß die Teams auch bei wechselnder Zusammensetzung konsistente und einsetzbare Lösungen liefern. Auch für Anwendungen in sicherheits-sensitiven Bereichen stehen qualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung.

Angebot
Vor diesem Hintergrund kann RADIAL folgende Leistungen anbieten:

  • Beschaffen von Informationen zu Sprachtechnologie, sprachlichen Ressourcen, Produkten und Projekten weltweit,
  • Erarbeiten von Bedarfsanalysen mit Technologie-Evaluierung,
  • Anwender Projektspezifikation nach den Vorgaben der Praxis,
  • Machbarkeitstudien mit Projektplan und Kostenrechnung
  • Beschaffen der für solche Projekte notwendigen Ressourcen, Tools und Systeme
  • Management auch von Großprojekten auf internationaler Basis
  • Entwicklung und Anpassung von Komponenten für Maschinelle Übersetzung, Translation Memory, Terminologiesuche und -ersetzung, Indexing, Volltextrecherche, Information Retrieval und Informationsextraktion, anwendungsspezifische Thesauri und Weltmodelle, fachspezifische Terminologien und
  • alle anderen Aspekte der Informationsgewinnung und der mehrsprachigen Kommunikation
  • Schulung und Beratung in allen Bereichen der Sprach- und Informationaverarbeitung

[Unterstreichungen v.d. Autorin]

Man könnte zu dem Eindruck kommen, dass hier die sprachtechnologische Abteilung des BND ihre Leistungen auf dem freien Markt anbietet. Doch steckte hinter RADIAL natürlich nicht der BND, jedenfalls nicht offiziell.

Radial-Firmengründungen

Der Reigen der Gründungen von Radial-Firmen in verschiedenen Ländern begann mit der RADIAL Sprachtechnologie GmbH, die im März 1998 im Handelsregister in München eingetragen wurde. Geschäftsführer war anfangs der oben bereits erwähnte, ehemalige BND-Agent Bernard Olthues, der auch für die Geschäftsleitung von GMS tätig war. Er wurde später abgelöst vom oben ebenfalls erwähnten Banker, Franco Formaccio aus Ottobrunn, der seinerzeit den Kredit für die GMS besorgt hatte und inzwischen – aus hier nicht bekannten Gründen – nicht mehr für die Bank tätig war. Einen anderen, kleinen Gesellschaftsanteil übernahm die ebenfalls schon erwähnte, vermutlich hauptamtliche BND-Mitarbeiterin Hanni M., die bei der GMS für Marketing zuständig gewesen war. Im Sommer 1999 wurde das Stammkapital der Firma RADIAL Sprachtechnologie GmbH dann um 50.000 Mark aufgestockt und damit verdoppelt. Die entsprechenden Anteile übernahmen ein gewisser Manfred Petermann, der “persönliche Steuerberater” von Herrn Bodenkamp, sowie eine Mitarbeiterin aus dessen Steuerkanzlei. Bei der entsprechenden Inaugurationsfeier am 4. Juli – es wurde da auch der Wechsel der Geschäftsführung von Olthues auf Formaccio gefeiert – erfreute sich auch der leitende Europol-Mitarbeiter K.E.S. der besonderen Gastfreundschaft der Firma Radial.

Den belgischen Banker van Deun hatten wir oben bereits im Zusammenhang mit der Cevennes S.A. und den Lernout&Hauspie-Kundenfirmen Dictation Consortium und Brussels Translation Group kennengelernt. Der Juni 1998 ist für ihn ein rundum erfolgreicher Monat. Zum einen kauft Lernout&Hauspie seinen Kunden Dictation Consortium kurzerhand auf, was den Investoren hinter Dictation Consortium ein sattes Plus von von mehren Millionen Dollar beschert.
Zum zweiten wird am Wohnsitz von van Deun am 30. Juni 1998 die RADIAL Belgium N.V. eingetragen. Bei RADIAL Belgium wird neben van Deun auch Stephan Bodenkamp Mitglied der Geschäftsführung.

Gründung der ersten Language Development Companies (LDCs) durch RADIAL bzw. van Deun

Weiter geht es im September 1998. Diesmal gründet RADIAL Belgium seinerseits drei Firmen, nämlich die Bahassa …, Slavic … und Farsi Language Development Company. Diese drei Firmen bilden den Auftakt für eine Reihe von Firmengründungen, die – nahezu generalstabsmäßig – jeweils 3-4 en bloc am Ende eines Quartals gegründet werden. Die Firmen werden später den gemeinsamen “Gattungsnamen” LDCs” (Language Development Company) erhalten. Ihnen ist gemeinsam, was der Leser dieser Seiten bereits aus dem Beispiel Dictation Consortium und Brussels Translation Group kennt. Die Firmen schließen jeweils kurz nach ihrer Gründung einen Lizenzvertrag mit Lernout&Hauspie an, meist in einer Größenordnung von 3 Millionen US-Dollar. Für diesen Betrag dürfen sie die Übersetzungstechnologie von L&H benutzen, womit sie jeweils Sprachressourcen für eine bestimmte Sprache entwickeln sollen bzw. wollen. Im Dezember 1998 wird die nächste Gruppe von LDCs gegründet, woran wiederum van Deun persönlich beteiligt ist . Die LDCs werden später weiterverkauft, für viele stammen die entsprechenden Mittel aus arabischen Geldquellen. Mal ist ein gewisser Harout Katchadourian, ein libanesischer Geschäftsmann mit armenischen Wurzeln im Spiel, der insgesamt 36 Millionen Dollar investiert haben soll, mal – so kolportiert es jedenfalls ein belgischer Journalist – Kontaktleute des saudi-arabischen Königshauses. Zusammenfassend schreibt im Zuge der strafrechtlichen Aufarbeitung der Causa Lernout&Hauspie, die belgische Tageszeitung deStandaard am 29. Januar 2008, dass die Kontakte zwischen L&H und den arabischen Investoren hergestellt wurden von den Mittelsmännern van Deun und Stephan Bodenkamp.

Bedeutung der LDCs für Lernout&Hauspie

Betrachtet man die Gründung der Language Deveopment Companies unter der Fragestellung, welches System oder welche Absichten wohl dahinter gesteckt haben mögen, so läßt sich eines feststellen. Das Übersetzungswerkzeug METAL / T1/ ITranslator benötigt für jede Sprache entsprechende Ressourcen = Lexika. Im Zuge des Auftrages der Brussels Translation Group waren die Sprachressourcen entwickelt worden für die wesentlichen Sprachen der “ersten Welt”, also Europa, Amerika, Russland, Südostasien und China.
Die LDCs stellen eine systematische Ergänzung um weitere Sprachen dar, vor allem um solche Sprachgebiete, denen nicht unbedingt ein hohes Marktpotenzial für sprachtechnologische Produkte bescheinigt werden kann, mit denen jedoch ein hoher strategischer Bedarf eines Auslandsnachrichtendienstes verbunden sein dürfte, der zuständig ist für die “strategische TK-Überwachung” seines Landes und der sich – intern – einerseits als Vorreiter auf sprachtechnologischem Gebiet unter den Nachrichtendiensten dieser Welt begreift und andererseits große Stücke auf seine besonderen Beziehungen zur arabischen Welt hält. Die Rede ist z.B. von Urdu (Afghanistan, Pakistan), Farsi (Persien) oder Bahassa (Indonesien), Sprachen also, die von vielen hunderten Millionen Menschen in vornehmlich von Muslimen bewohnten Gebieten gesprochen werden.

Ausblick auf das Ende von Lernout&Hauspie

Für Lernout&Hauspie erwies sich das Geschäftsmodell, das mit Dication Consortium und Brussels Translation Group so erfolgreich seinen Anfang genommen und mit den Language Development Companies systematisch ausgebaut worden war – zunächst – als äußerst erfolgversprechend. Jede Quartalsmeldung des Unternehmens überbot die vorangegangene in ihren Zahlen, der Börsenkurs entwickelte sich steil nach oben.

Im Frühjahr 2000 – nach Bekanntgabe des Jahresergebnis für 1999 schließlich – war der Börsenkurs der LHSP-Aktie bei über 72 Dollar / Aktie angelangt. Die meisten Anleger erlagen der völligen Begeisterung, nicht zuletzt dürfte Peer van Driesten, der frühere Alleingesellschafter der GMS, hocherfreut gewesen sein, konnte er im Frühjahr 2000 zu diesem hohen Aktienkurs auch (endlich) weitere Optionen aus dem Verkauf “seiner” GMS zu Geld machen.

Lernout&Hauspie hatte nunmehr ein Finanzpolster, das es erlaubte, innerhalb weniger Wochen “die” zwei Perlen der amerikanischen Sprachtechnologie zu erwerben, nämlich Dictaphone und Dragon.

In der allgemeinen Euphorie wurden einzelne Stimmen, wie die von Marc Cohodes, dem Manager des amerikanischen Fonds Rocker Partners oder Herb Greenberg, einem amerikanischen Wirtschaftsjournalisten, die Zweifel an den von L&H berichteten Erfolgen äußerten, als Nestbeschmutzung aufgefasst und die beiden mit entsprechender Härte persönlich attackiert. Kurz darauf begann das Wall Street Journal intensiv zu recherchieren und veröffentlichte immer kritischere Artikel, mit der zunehmend konkreteren Vermutung, dass die von L&H behaupteten Umsätze zum Großteil “Luftnummern” waren.

Krisentreffen auf Capri – Bodenkamp ist dabei …

René de Witte, ein belgischer Journalist und einer der besten Kenner der L&H-Saga seit ihren Anfängen, berichtet, dass es daraufhin im Sommer 2000 zu einem Krisentreffen des Spitzenmanagements von Lernout&Hauspie kam. Man traf sich auf Capri, weil Jo Lernout dort gerade Urlaub machte. Teilnehmer der Besprechung waren vier Topmanager, die für L&H besonders wichtig waren: Die beiden Firmengründer, Jo Lernout und Paul Hauspie, Nico Willaert, der Vorstand, sowie – Stephan Bodenkamp. Er soll seinen Gesprächspartnern vorgehalten haben, sich nicht ausreichend um Lobbyarbeit und „Pflege von Kontakten“ auf der amerikanischen Seite gekümmert zu haben. Warum ein BND-Mitarbeiter – ganz selbstverständlich – zum Krisentreffen von L&H nach Capri eilt, wurde bisher nicht erklärt, vermutlich wird der BND erklären, dies sei in dessen Freizeit geschehen …

Ende September 2000 berichtete das Wall Street Journal dann erstmals auch namentlich über jenen “Stephan Bodenkamp” im Zusammenhang mit der L&H-Affäre. Nahezu zeitgleich damit legte Bodenkamp sein Mandat in der Geschäftsführung der RADIAL Belgium N.V. nieder. Die Geschäftsleitung dankte ihm kurz darauf für seine Bemühungen.

Das Ende von Lernout&Hauspie

Obwohl die Dramatik der Zeit zwischen September und Anfang Dezember 2000 ein eigenes Kapital lohnend machen und rechtfertigen würde, sei hier nur der Ausgang dieses letzten Aktes der Firmengeschichte von L&H genannt: Man musste letztlich zugeben, dass wesentliche “Erfolgszahlen” aus den Jahresabschlüssen 1996 mit 1999 entweder nicht vorhanden waren oder in der berichteten Höhe nicht den Tatsachen entsprachen. Am 9. Dezember 2000 wurde der Aktienhandel in Europa und an der NASDAQ ausgesetzt, mehrmonatige Rettungsversuche konnten die Insolvenz des Gesamtunternehmens Lernout&Hauspie Speech Products jedoch nicht mehr verhindern. Vernichtet waren damit ca. 6.000 Arbeitsplätze in Belgien und den Vereinigten Staaten, sowie ein Börsenkapital in Höhe von mindestens acht Milliarden Dollar. L&H gehört – nach späterer Einschätzung von Experten – zur gleichen Klasse von Börsenbetrugsfälle, wie Enron oder Worldcom.

Wettbewerb zwischen Geheimdiensten – am Ende gewannen die Amerikaner

Auch wenn es vordergründig so aussah, als hätte ‘kreative Buchführung’ und Umsatzmanipulation das Ende von L&H herbeigeführt, war doch eine andere Ursache ausschalggebend für den Niedergang: Nämlich Wettbewerb zwischen den Geheimdiensten – insbesondere der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland – um hochgradig relevante Technologie für das Sammeln und automatische Auswerten von Kommunikationsdaten und -inhalten. Militär und Dienste in Amerika waren extrem besorgt darüber, dass ein junges belgisches Unternhmen zwei Juwelen der amerikanischen Sprachtechnologie-Industrie wegkaufen konnte; Firmen, die über Jahr(zehnt)e aufgepäppelt worden waren mit (auch militärischen) Forschungsaufträgen und staatlichen Fördergeldern.

Beitrag des investigativen Journalismus

Der Niedergang von Lernout&Hauspie in den letzten Wochen des Jahres 2000 wurde natürlich auch von der belgischen Presse mit nahezu täglichen Berichten begleitet. Insbesondere der belgische deStandaard – eine Schwesterpublikation der Financial Times – beschäftigte sich mit der Frage, warum die LDCs sich ausgerechnet um Sprachen bekümmert hatten, wie Urdu, Hindi, Farsi oder Bahassa – Sprachen also, die keinerlei kommerziellen Wert für Sprachtechnologieprodukte hatten. Die Antwort war recht einfach: Diese Sprachen – sie werden entlang der “Seidenstraße” gesprochen, also vom Nahen, über den Mittleren bis zum Fernen Osten, waren von hohem strategischen Wert für den deutschen Auslandsnachrichtendienst BND, der sich schon immer als “Spezialist” für dieses Gebiet betrachtete. Das Umsatz-Manipulationsschema mit den LDCs, das mit Bodenkamp’s RADIAL Firmengruppe begonnen hatte, war daher von doppeltem Nutzen (dual use). Es kurbelte – auf dem Papier – die Umsätze von Lernout&Hauspie an und sorgte für den Anschub der Entwicklung weiterer Sprachpaare, die für den BND strategisch nützlich waren. Hinzu kam noch, dass daraus weitere Aufträge/Umsätze erwartet werden durften durch den Verkauf an die Regierungsorgansiationen anderer Länder, wozu Bodenkamp, wie in der RADIAL-Leistungsbeschreibung (siehe oben) ja erklärt, einen Beitrag leisten konnte. Es war – sozusagen – das Win-Win-Konzept für alle Beteiligten – mit Ausnahme der Amerikaner … Davon auszugehen, dass die sich so einfach ‘die Butter vom Brot stehlen lassen, wie dies mit der Übernahme von Dictaphone und Dragon versucht worden war, kann daher nur verwundern …

Dass diesem ‘Märchen’ ein Ende bereitet wurde, lag nicht so sehr an der ‘kreativen Buchführung’, sondern vor allem an investigativem Journalismus von Wall Street Journal und deStandaard: Die Geschichte flog dann endgültig auf am 31. Dezember 2000, als der Standaard die Silversterausgabe aufmachte mit einem großen Artikel über die Beziehung zwischen Lernout&Hauspie und dem Bundesnachrichtendienst. Darin wurde auch über das Urteil eines Münchner Gerichts gegen einen gewissen Stephan Bodenkamp berichtet, der verurteilt worden war wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs zum Nachteil unserer Firma Polygenesys. Im Urteil stand der wirkliche Name von Bodenkamp (Christoph Klonwoski [das häufig zitierte ‘Kionowski’ ist ein Schreibfehler]) und seine Funktion beim BND. Das war das Missing Link, das belegte, dass ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes in erheblichem Umfang und über Jahre hinweg verstrickt gewesen war in den Aufstieg und Niedergang von Lernout&Hauspie – und den größten Börsenbetrugsskandal auf dem europäischen Kontintent.


Was unsere Firma mit Stephan Bodenkamp zu tun hatte und wie es zu diesem Urteil kam – das lesen Sie im Buch 2, zu dem der erste Beitrag in den nächsten Tagen erscheint …

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Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie

2 + 2 = 5! Technologiebeschaffung nach Art des BND

Sämtliche bisher erschienenen Beiträge dieser Serie

Teil I: Der BND, Lernout & Hauspie und die Sprachen der Seidenstraße…

I.1 Einleitung
I.2 BND und Sprachtechnologie
I.3: BND und strategische Telekommunikationsüberwachung
I.4: Die Anfänge von Lernout&Hauspie und das Ende von METAL
I.5: Der Umsatzmotor springt an bei L&H und Bodenkamp ist immer dabei
I.6: Was Bodenkamp (und der BND) mit dem größten Borsenbetrugsfall in Europa zu tun haben

Teil II: Der BND, Polygon und das Europol-System

II.1: Der BND, die EU-Projekte und das Europol-System
II.2: Bodenkamp: Am Ende steht ein Strafbefehl

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