Technologiebeschaffung nach Art des BND (II.1):
Der BND, die EU-Projekte und das Europol-System

1. September 2013 | Von | Kategorie: ZWEI PLUS ZWEI IST FÜNF

Genesys

Schwenken wir noch einmal zurück in die Zeit seit Anfang 1997: Ohne Kontakt zu Lernout&Hauspie, GMS oder BND lebte und arbeitete im Großraum München die Software-Entwicklungs-Firma „Genesys“. Sie war 1979 von Annette und Siegfried Brückner gegründet worden. Die Brückners erkannten Marktlücken im Bereich der Kopplung von PCs und Großrechnern und wurden bald als Software-Zulieferer für Computerhersteller wie Siemens, Triumph Adler, Nixdorf und ICL geschätzt. Anfang der 90er Jahre, als PCs wesentlich leistungsfähiger geworden waren und daher auch als “Datenbankserver” eingesetzt werden konnten, entwickelten und lieferten sie Datenbanksysteme für Kunden, wie den Deutschen Bundestag in Bonn, das Institut der Deutschen Wirtschaft und den Deutschen Beamtenbund. Häufig geschah dies in Kooperation mit Siemens.

Durch die Person Alexander Schalck-Golodkowski wurde eine neue Entwicklung bei Genesys angestoßen. Und das kam so: Als sich der Untersuchungsausschuss zum Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) konstituierte, beauftragte der Deutsche Bundestag die Firmen Siemens und Genesys mit der Entwicklung eines Dokumentations- und Auswertungssystems für große Untersuchungskomplexe. Sie hatten ihre Chance und waren erfolgreich. Das sprach sich herum. Bald klopften das Bundesinnenministerium des Innern und andere Polizeibehörden bei Genesys an. Genesys und Siemens gewannen Ausschreibungsverfahren des Bundesinnenministeriums für Informationssysteme der Polizeibehörden in Ungarn, der Slowakei und der Ukraine

Polygon

Mitte der 90er Jahre entstand Polygon. Ein solches System hatte es zuvor noch nicht gegeben. Es sollte bei der Ermittlung und Auswertung von Delikten der Organisierten Kriminalität mit vielen verborgenen Verflechtungen genauso einsetzbar sein, wie bei der Aufklärung komplexer Kapitalverbrechen oer im Staatsschutz. Bei Genesys entstand eine völlig neue Technologie für den Umgang mit Informationen in Datenbanken.

Polygon bringt eine abstrakte, für alle Zwecke verwendbare “generische” Datenbankstruktur mit und konnte dennoch auf allen damals marktgängigen Datenbanksystemen, wie Oracle, Informix oder MS SQLServer etc. eingesetzt werden. Die sonst notwendige, spezifische Einrichtung der Datenbank wird überflüssig, die Entwicklungszeit reduziert sich auf einen Bruchteil des bisher benötigten, entsprechend natürlich auch die Kosten und das System steht insgesamt wesentlich schneller zur Verfügung. Diese Polygon Datenbank-Technologie wurde 1995 zum Patent angemeldet. Das (internationale) PCT-Patent und daraus abgeleitet, nationale Patente wurden 2001 erteilt.

Die Polygon-Technologie wurde ergänzt durch eine Software zur grafischen Visualisierung von Beziehungsgeflechten: Damit kann jedes Objekt der Datenbank als benanntes grafisches Symbol dargestellt und die Beziehungen zwischen den Objekten als gerichtete und benannte Pfeile repräsentiert werden. Diese Software ließ sich verwenden, um Informationen „einzugeben“, indem man sie einfach „zeichnete“. Sie zeigt alles vorhandenen Beziehungen bei einer Auswertung, ohne dass man zuvor fragen muss, was man grafisch gezeigt bekommen möchte. Daneben bietet diese Software die Möglichkeit, „multimediale“ Dokumente zu integrieren, da in der Polizeiarbeit zwingend das „Dokumentationsprinzip“ herrscht, das heißt für jede Information auch ein Beleg vorhanden sein muss. Zug um Zug mit Fertigstellung der entsprechenden Datenbank- und Softwarekomponenten wurden diese auch in Projekten in der Slowakei, in Ungarn und der Ukraine eingesetzt.

Genesys und Bodenkamp: Die Wege kreuzen sich …

Am 8. Oktober 1996 begann die gemeinsame Geschichte der bisher bekannten Akteure und der Firma Genesys. Annette Brückner befand sich an jenem Tag im kalifornischen Silicon Valley, um die Gründung einer amerikanischen Tochterfirma voranzutreiben. Polygon sollte auch bei amerikanischen und kanadischen Polizeibehörden vermarktet werden. Im Münchner Büro ging der Anruf eines gewissen Klaus Schmidt ein. Er sei bei Europol für Planning and Development zuständig und habe vom Bundesinnenministerium von Polygon gehört. Am 12. November kamen Klaus Schmidt und ein gewisser Dr. Thurmair zu Genesys und ließen sich Polygon erklären und vorführen. Die beiden Besucher erzählten ihrerseits vom Projekt AVENTINUS. „Hochinteressant!“, notierte die Gastgeberin.

Dr. Thurmair bedankte sich schriftlich für die Präsentation. Sein Schreiben benannte als Absender eine „GMS München“. Thurmair und Klaus Schmidt luden die Brückners für den 21. Januar 1997 zum Treffen des „AVENTINUS-Nutzerkreises“ beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden ein. An diesem Tag kam es zur ersten Begegnung mit Bodenkamp und Olthues, zum zweiten Treffen mit Thurmair/Klaus Schmidt und zahlreichen anderen Experten aus dem Sicherheitsbereich. Annette Brückner erinnert sich an Bodenkamp als einen „kultiviert-freundlich wirkenden, älteren Herrn“. Wiesbaden war für sie nur ein Zwischenstopp. Schon drei Tage später präsentierte sie Polygon im Rahmen einer Ausschreibung bei der kanadischen Bundespolizei in Ottawa.

Anfang Februar 1997 fand bei Genesys ein mehrtägiger Workshop für Analytiker von Europol statt. Klaus Schmidt leitete die Europol-Delegation. Polygon und die Polygon-Software-Werkzeuge wurden dabei ausführlich vorgestellt. Der Europol-Experte meldete sich kurz darauf schon wieder telefonisch: Die AVENTINUS-Nutzer hätten beschlossen, Polygon als Intelligence-Komponente in ihr System aufzunehmen. Auch das Bundeskriminalamt sei an Polygon interessiert.

Einen Monat später trafen sich alle Beteiligten bei der Jahreskonferenz der amerikanischen Sicherheitsbehörden, kurz AIPA, in der Nähe von Washington. Die Deutschen trumpften souverän mit AVENTINUS und Polygon auf. Bodenkamp kümmerte sich intensiv um das Radial-Konzept. Technologie-Anbieter, wie GMS und Genesys, sollten in den Radial-Verbund integriert werden. Er selbst wollte Koordinator werden, die Schaltstelle zwischen den privatwirtschaftlichen Anbietern und den Behörden-Kunden.

Es herrschte Aufbruchstimmung in der Branche, und jeder hoffte auf eine möglichst gute Startposition. Genesys war mit Polygon bereits in aller Munde. Annette Brückner stellte ihr System im gesamten deutschsprachigen Raum vor, nahm weitere Termine in den USA und in Osteuropa wahr. Von Europol-Schmidt organisiert, folgte eine Präsentation bei der Europäischen Konferenz der FBI-Akademie in Berlin. Beim Landeskriminalamt in Brandenburg, wo Polygon schon seit längerem im Einsatz war, kam es zum ersten europäischen Anwendertreffen der Polygon-Nutzer.

Die Eurint-Ausschreibung von Europol

Die Arbeit der Firma Genesys konzentrierte sich in den folgenden Monaten auf die bevorstehende „Eurint-Ausschreibung“ von Europol. Eurint (=Europol Interim System) sollte die erste von drei „Säulen“ des zukünftigen Europol-Computersystems TECS (=the Europol Computer System) werden. Gefordert waren die Komponenten für ein multilingales Informationssystem für die Analyse und Auswerte-Abteilung bei Europol mit grafischer Auswertungskomponente, also ziemlich genau das, was Polygon-Technologie und –Software leisten konnten. GMS und Genesys taten sich zusammen und entwickelten gemeinsam ein Lösungskonzept. Es gab nur zwei Anbieterkonsortien, die sämtliche Komponten für diese Ausschreibung aus einer Hand anbieten konnten, nämlich Siemens auf der einen und debis / Bull / Alcatel auf der anderen Seite. Genesys war Teilnehmer in beiden Konsortien und deckte den Part des Informationssystems ab. Die GMS war ebenfalls Partner beider Konsortien und zuständig für die Übersetzungs-Komponenten.

Überraschend für alle Anbieter erteilte Europol dann jedoch überhaupt keinen Auftrag. Man wolle, teilte man den verdutzten Anbietern mit, das Projekt nun „selbst entwickeln“. Woher Europol Technologien, Kompetenzen und auch Entwicklungskapazität nehmen wollte, um zu entwickeln, was bei den Anbietern zuvor in Jahren entstanden war, blieb eine ungeklärte Frage. Nach Bekanntwerden dieser Entscheidung gingen Bodenkamp, Schmidt und Thurmair auf Tauchstation. Die Nachfolgeprojekte für AVENTINUS, insbesondere das Projekt SENSUS, liefen an und erforderten ihre ganze Aufmerksamkeit.

AVENTINUS I und II, SENSUS – und immer ist Polygon dabei …

Im Mai 1998 gab es die von der EU-Kommission finanzierten F&E-Projekte AVENTINUS I, AVENTINUS II und SENSUS. Überall spielte Polygon als zentrales Informationssystem eine wichtige Rolle, ohne dass die Herstellerfirma Genesys gebührend einbezogen wurde. Zum Teil wusste man bei Genesys noch nicht einmal, dass Polygon in einem Projekt enthalten war. Brückner erinnert sich: „Erst im Dezember (1998) liefen für uns die Arbeiten an dem Projekt SENSUS dann endlich an. Ein Auftrag oder Vertrag, irgendetwas „Schriftliches“ also, lag uns zu diesem Zeitpunkt nicht vor. Wir vertrauten gutgläubig auf die Rechtschaffenheit bzw. Rechtsstaatlichkeit des Bundesnachrichtendienstes als einer obersten Bundesbehörde als Vertragspartner. Das sollte sich später als großer Fehler herausstellen.

EU-Projekt SENSUS

Man schrieb das erste Quartal 1999: „Auch in den kommenden Wochen wurden meine wiederholten Fragen nach einer schriftlichen Leistungs- bzw. Projektbeschreibung von Bodenkamp nur ausweichend beantwortet. Angeblich gab es solche Dokumente noch nicht, was teilweise ja plausibel erschien, da die Erstellung einer Leistungsbeschreibung gerade ein Bestandteil des Projektes war. Die technische Projektbeschreibung wiederum wurde uns vorenthalten, da diese nur von Haupt-Vertragspartnern eingesehen werden könne, zu denen wir nicht gehörten. Zumindest erfuhr ich von Bodenkamp, dass wir Assoziierter Vertragspartner seien, was bedeutete, dass wir dem Amt für Auslandsfragen als Vertragspartner angegliedert seien, die Hälfte des Aufwandes für das Projekt selbst zu tragen hätten und für die andere Hälfte einen Zuschuss der Europäischen Kommission erhalten würden. Ein weiteres Merkmal des Assoziierten Vertragspartners war mir besonders wichtig. Dieser behielt nämlich alle Rechte an der von ihm eingebrachten Technologie und partizipierte anteilig mit den anderen Vertragspartnern an einer späteren Verwertung des gemeinsam erarbeiteten Projektergebnisses, falls es zu einer Verwertung des gemeinsam erarbeiteten Projektergebnisses kommen würde, wovon ja jedermann ausging.“

Im technischen Bereich lief die Zusammenarbeit prächtig. Ein Meeting folgte dem anderen. Bei der Firma Genesys liefen monatlich rund 24.000 Mark für die Entwicklung von SENSUS auf, das meiste für zeitnah zahlbare Personal- und Personalnebenkosten. Das AfA überwies jedoch nur ein einziges Mal, im Februar 1999, eine Abschlagszahlung von knapp 121.000 Mark, ein Drittel des geplanten Förderzuschusses. Ab April 1999 finanzierte Genesys die SENSUS-Entwicklung vor. Gleichzeitig wurde die Hausbank, an sich gewöhnt an diese Form der Auftragsvorfinanzierung und an das “Saisongeschäft” mit großen Behörden, die erst am Jahresende zahlen, unruhig, weil nach wie vor kein Vertrag vorlag.

Bodenkamp bringt Radial als “Investor” ins Spiel

Nun brachte Bodenkamp gegenüber der Firma Genesys eine Firma Radial Belgium ins Spiel und deren Geschäftsführer Cis van Deun. Dass er selbst in der Geschäftsführung von Radial Belgium saß, erwähnte Bodenkamp allerdings mit keinem Wort. Der belgische Banker flog ein, man führte, im Beisein von Bodenkamp, stundenlange Gespräche und erörterte die verlangten und vorgelegten, ausführlichen Geschäfts- und Finanzpläne von Genesys. Radial und Bodenkamp waren damit aktuell und vollständig über die gesellschaftsrechtlichen Interna und die Finanzsituation der Brückners informiert. Wesentlich mehr kam im Ergebnis bei diesen Gesprächen auch nicht heraus. Anstelle des in Aussicht gestellten Investors, der mit 5 Mio Dollar einsteigen sollte, verlangte Radial eine provisionsbewehrte Vermittlungsvereinbarung, die von den Brückners nicht unterschrieben wurde.

Lernout&Hauspie stößt die GMS-Truppe wieder ab

Für die frühere GMS war die Übernahme durch Lernout&Hauspie nur ein „Zwischenhoch“ gewesen. Schon eineinhalb Jahre nach der Übernahme, nämlich Anfang 1999, trennte sich Lernout&Hauspie wieder von seiner „Language Technology Division“. Den Auftrag der von Bodenkamp beratenen Brussels Translation Group hatte die Truppe ja inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Für Peer van Driesten, dessen „Division“ inzwischen ca. 190 Mitarbeiter umfasste, begann wieder die sattsam bekannte Malaise: Woher Geld auftreiben, um die teure Weiterentwicklung von METAL und weiteren Sprachpaaren zu finanzieren?! Die Überlegungen dauerten eine ganze Weile, denn erst im Juni 99 wurde die „Sail Labs GmbH“ in das Münchner Handelsregister eingetragen. ‘Sail’ war die Abkürzung für „Speech, Artificial Intelligence and Language Laboratories“. Peer van Driesten hielt mehr als 80 Prozent des Gesellschaftskapitals, der Rest befand sich (noch) in Händen von Lernout&Hauspie. Und diese Firma brauchte sehr dringend einen großen Auftrag, um zu überleben!

Ausschreibung für das Europol-Informationssystem

Zur gleichen Zeit, im Sommer 1999, wandte sich Europol an einen beschränkten Kreis von Anbietern mit der Ausschreibung für das eigentliche Europol-Informationssystem, die zweite der drei Säulen für das neue Europol-Computersystem TECS. Im Kern sollte es die Produktivfassung des multilingualen Informationssystems sein, das bei AVENTINUS konzipiert und dessen Pilotversion bei SENSUS entwickelt wurde.

Genesys gehörte nicht zum Kreis der angesprochenen Anbieter und erfuhr auch – trotz Nachfrage – gar nichts von dieser Ausschreibung. Eine „rein technische Entscheidung“, wie Klaus Schmidt im August 2008 äußerte, ohne sie näher erklären zu können.

Genesys erfuhr auch nichts von den Vorkehrungen, die im SENSUS-Projekt getroffen wurden im Hinblick auf die Europol-Ausschreibung: Europol, wie auch die neue Firma Sail Labs wurden umgehend zu Haupt-Vertragspartnern im SENSUS-Projekt gemacht. Bodenkamp teilte der Europäischen Kommission mit Brief vom 1. Juni 1999 mit, dass die Sail Labs GmbH „aus der früheren “Lernout&Hauspie Language Technology GmbH hervorgeht und … alle Mitarbeiter, Vermögenswerte, Rechte und Verbindlichkeiten der früheren Firma übernimmt“. Im nächsten Absatz beantragte er die Aufnahme von Europol als Hauptvertragspartner im SENSUS-Projekt. Als Anlage beigefügt war diesem Brief ein Arbeitsplan, in dem der Firma Genesys der Status eines Unterauftragsnehmers zugeordnet war. Sie wäre demnach verpflichtet gewesen, vorhandene (Polygon-) Technologie und die Software, die im Rahmen der gemeinsamen Projektarbeit entwickelt wurde, an das AfA zu liefern, ohne an einer späteren kommerziellen Verwertung der SENSUS-Ergebnisse beteiligt zu sein. Dies stand im krassen Widerspruch zu den Beteuerungen von Bodenkamp gegenüber Genesys, bei denen er immer den Status eines Assoziierten Partners, also mit Verwertungsrechten, zugesagt hatte.

Die Investoren hinter der Brussels Translation Group machen Kasse

Ende Juni 1999 kaufte Lernout&Hauspie dann seinen bisherigen Kunden, die „Brussels Translation Group“, eine der ersten Firmen, der L&H seinen “wunderbaren” Umsatzanstieg und damit Börsenerfolg zu verdanken hatte. Die Investoren hinter der Firma freuten sich über einen Erlös von 59 Millionen Dollar. Ihr Investment hatte in etwas mehr als zwei Jahren ein Wertsteigerung von rund 17 Millionen Dollar erfahren. Ob und wenn ja, wieviel davon bei Stephan Bodenkamp, dem technischen Berater der Brussels Translation Group, angekommen ist, ist nicht bekannt.

Der persönliche Steuerberater von Bodenkamp hatte zur gleichen Zeit Geld übrig, für das er Anlagemöglichkeiten suchte. Eine fand er bei der Radial Sprachtechnologie GmbH: Deren Stammkapital wurde verdoppelt, der Steuerberater von Bodenkamp und eine Mitarbeiterin aus dessen Kanzlei übernahmen diesen Anteil in Höhe von 50.000 Mark. Damit lagen im Juli 1999 90 Prozent des Stammkapitals der Radial Sprachtechnologie in den Händen von Bodenkamp und ihm nahestehender Personen, die „von Sprachtechnologie keine Ahnung“ hatten (so der Geschäftsführer der Radial GmbH im Jahr 2008).

Vorbereitungen für den Seitenwechsel bei Genesys-Mitarbeitern

Meissner, der technische Projektleiter für SENSUS bei der Firma Genesys wechselte in jenen Tagen die Seiten. Erleichtert wurde ihm die Entscheidung, weil Bodenkamp die Gründung einer neuen Firma in Aussicht gestellt hatte. Sie erhielt später den Namen MEVISTO Software GmbH. Es traf sich günstig, dass auch der Schwager von Bodenkamp’s persönlichem Steuerberater in diesen Tagen über freies Geld verfügte, jedenfalls übernahm dieser 75% der Gesellschaftsanteile an der neuen Firma. Bodenkamp hatte, wie er später bei der Polizei angab, zu diesem Investment geraten. „Die Ideen der Mitarbeiter von Genesys“ seien Grund für diesen Ratschlag gewesen. Möglicherweise waren es jedoch weniger die „Ideen“, als vielmehr das Brautgeschenk, das sich der Genesys-Entwickler besorgt hatte. Im Juli 99 nämlich kopierte er alles vom Firmenserver auf den Projekt-Laptop, was ein Techniker benötigt, um mit Polygon-Technologie und –Software weiterzuarbeiten – auch außerhalb von Genesys.

Nach wie vor kein Vertrag im SENSUS-Projekt

Genesys selbst hatte auch im Monat neun der Arbeiten für SENSUS noch immer keinen Vertrag. Die Liquiditätsprobleme nahmen zu, obwohl Aufträge vorlagen: Ein Polygon-System wurde an die Sicherheitsabteilung von einen großen Automobilhersteller in Stuttgart geliefert. Aufträge und Anfragen kamen von der Polizei in Hessen, Sachsen und Brandenburg. In dem in der IT-Branche traditionell ertragsarmen „Sommerloch“ wurde die Liquiditätsdecke jedoch immer dünner und Genesys steuerte auf die Zahlungsunfähigkeit zu. Auch Bodenkamp, ganz der fürsorgliche Projektmanager, führte ein Gespräch mit der Hausbank [!], doch war die anschließend noch immer nicht Die bereit, die Kreditlinie auszuweiten, solange es im SENSUS-Projekt noch keinen Vertrag gab.

Vertragsabschluss

Im September erinnerte Annette Brückner ihren Partner Stephan Bodenkamp schriftlich daran, dass ihre Firma Inhaberin der Rechte an der Software für die Polygon-Technologie und die für SENSUS entwickelte Software sei und wies auf die unumgängliche Insolvenz hin, wenn sich der Liquiditätsengpass nicht beseitigen ließe. Bodenkamp lud darauf ein zu einer Krisensitzung ins SENSUS-Büro. Dort legte er ein „Consortium Agreement“ vor, das ausgestellt war auf die „Polygenesys Software GmbH“, die für Vertrags- und Vertriebsfragen zuständige Schwesterfirma der Genesys Software-Entwicklungs- und Produktions-GmbH. Die Firma wurde hier als „Assoziierter Partner“ ausgewiesen, so wie seit Monaten besprochen war. Bodenkamp und Brückner unterzeichneten dieses Dokument. Die Brückners machten sich unmittelbar nach diesem Termin auf den Weg nach Bratislava, wo – im AUftrag des BUndesministeriums des Innern, das dort installierte Polygon-System aktualisiert und ausgebaut werden sollte.

Am gleichen Tag: Die Mitarbeiter packen zusammen …

Annette Brückner hielt dazu fest: „Erst Monate später lässt sich aus vielen Puzzlestücken zusammensetzen, was am Tag des Vertragsabschlusses in der Firma geschehen sein musste. Man packte offensichtlich zusammen. Alle Dokumente und Dateien, die für die abtrünnigen Mitarbeiter irgendeinen Wert zu haben schienen – für die in der Planung befindliche eigene Firma bzw. als mögliche Belastungsargumente gegen mich – wurden kopiert, Verzeichnisse auf den Arbeitsplatzsystemen gelöscht, andere versteckt. Einer der Mitarbeiter, die an dem Mevisto-Komplott nicht beteiligt waren, “bewarb” sich per eMail bei den künftigen Mevisto-Unternehmern.“

Scheinbar das Ende von Genesys

Wenige Tage später, am 14. September, war es unumgänglich den Insolvenzeigenantrag für die beiden Firmen zu stellen, „was gleichzeitig den Totalverlust unserer bisherigen Lebensgrundlage bedeutete“ (Annette Brückner). Die Mitarbeiter kündigten wenige Tage später, die meisten fristlos, mit der Begründung, dass sie ihr Gehalt für August nicht erhalten hatten. Anträge auf Insolvenzgeld ließen sie sich zuvor noch unterschreiben. Zur gleichen Zeit traf vom Amt für Auslandsfragen ein Fax ein: „Wie Sie uns mitgeteilt haben, wird in diesen Tagen durch Ihre Firma das Insolvenzverfahren eingeleitet werden. Wir gehen davon aus, dass dadurch Ihr Verbleib im SENSUS-Konsortium hinfällig wird.“ Im Rahmen des EU-Vertrages sei eine Vorauszahlung auf eingeplante Leistungen in Höhe von 61.766 Euro ausbezahlt worden. Die Genesys-Aufwendungen seien aber bisher nur mit 35.876,96 Euro in Rechnung gestellt worden. Man erwarte also eine Rückzahlung in Höhe von 25 800,04 Euro.
Der Geschäftsbetrieb von Genesys wurde am 30. September 1999 eingestellt.

Annette Brückner war damals zu beschäftigt, um zu merken, dass niemand versuchte, „die erheblichen Entwicklungsarbeiten unserer Firma für das Projekt SENSUS zu retten. Man hätte anfragen können, ob und wie es weitergehen kann, man hätte zumindest eine Übergabe der bis dahin erbrachten Arbeitsergebnisse anfordern können. Stattdessen Geld zurückzufordern, legt zumindest den Schluss nahe, dass man unsere Arbeitsergebnisse gar nicht brauchte, sondern vielmehr ein Druckmittel gegen uns suchte. Die Geldforderung übersieht im Übrigen auch, dass unsere Arbeiten seit mehreren Monaten noch gar nicht abgerechnet waren, ganz im Gegenteil wir also noch Geld zu erhalten hatten.“

Siegfried und Annette Brückner gelang es trotz allem, das Projektgeschäft mit Polygon weiterzuführen. Noch im selben Jahr wickelten sie einen Auftrag des Bundesministerium des Innern zur Aktualisierung des Polygon-Systems in der slowakischen Kriminalpolizei erfolgreich ab. Auch das Landessystem Brandenburg blieb ihnen erhalten. Verloren gingen Hessen und Sachsen, wo Polygon zum landesweiten Polizeisystem ausgebaut werden sollte. Die Automobilfirma bezahlte die bereits gelieferte und installierte Software nicht. Der Kunde Merck wurde von ehemaligen Mitarbeitern für die neue Firma Mevisto abgeworben.

Bodenkamp hatte nichts unternommen, um seine Partner vor der Insolvenz zu retten, obwohl im SENSUS-Projekt ein Gesamtbudget in Höhe von rund 403.000 Mark für den Genesys-Anteil eingestellt war. Zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags fehlten der Firma 115.000 Mark. Mehrere Monate Arbeit für das SENSUS-Projekt waren noch gar nicht abgerechnet, eine weitere Abschlagszahlung aus dem SENSUS-Projekt wäre im Hinblick auf die weit fortgeschrittenen Arbeiten zu vertreten gewesen und hätte die Zahlungsunfähigkeit von Genesys vermieden. Doch dazu sollte es, nach dem Willen von Bodenkamp, auf gar keinen Fall kommen.

Im Vorgriff auf die weitere Entwicklung sei gesagt, dass die Firma Polygon Visual Content Management GmbH (im Alleinbesitz der Brückners) ab Anfang 2000 nahtlos die Aufgaben der Genesys übernahm. Der gesetzlich zwingend gebotene Insolvenzeigenantrag für beide Firmen wurde ein gutes Jahr später zurückgenommen, nachdem die Kosten der vorläufigen Insolvenzverwaltung und sämtliche Verbindlichkeiten gegenüber den Gläubigern der Firmen von den Brückners beglichen waren. Die beiden Genesys-Firmen wurden im Jahr 2003 zur Liquidation angemeldet. Doch selbst darüber hatte der Bundesnachrichtendienst andere Ansichten und setzte diese zunächst auch durch. Dazu mehr im Teil II.3 …

Feindliche Übernahme ..

Am 8. Oktober 1999 fand eine weitere Sitzung der technischen Arbeitsgruppe von SENSUS in München statt. Die Firma Genesys war gar nicht mehr eingeladen, denn man hielt sie allgemein für “mausetot”. Ihr früherer technischer Projektleiter für SENSUS, Meissner, nahm jedoch teil und regelte Hardware- und Software-Ausstattung für eine Messe in Paris (Milipol), wo die Ergebnisse des SENSUS-Projektes einem internationalen Fachpublikum präsentiert werden sollten.

Am 23. Oktober 1999 trafen sich dann fünf ehemalige Genesys-Mitarbeiter in einem Münchner Notariat. Es erwartete sie Bodenkamps persönlicher Steuerberater. Dieser vertrat seinen Schwager, der 17.500 Mark beisteuerte und damit 75 Prozent der Anteile an der neuen Firma erwarb. Die restlichen 7.500 Mark teilten sich die fünf ehemaligen Genesys-Mitarbeiter.

Beim nächsten technischen Meeting im SENSUS-Projekt, am 4. und 5. November 1999, besprachen die Teilnehmer ausweislich später zugänglicher Protokolle „ob und in welchem Umfang der GENESYS Sourcecode verwendbar ist“. Dass dieser Code logischerweise nicht der Firma Mevisto gehörte, schien niemanden zu interessieren. Meissner und seine Kollegen betrieben das SENSUS-Projekt weiter. Schließlich war Mevisto nur gegründet worden, „um die Brückner-Technologie weiter zu transportieren“ (so der spätere Geschäftsführer von Mevisto, Francesco Formaccio, im August 2008). Für den 12. November 1999 erwarteten sie von Bodenkamp „einen Vorschuss von ca. 30 000 Euro“ (Meissner in einer Mail).

Ende November 1999 präsentierte das SENSUS-Projekt stolz das Ergebnis der Arbeiten auf der Sicherheitsfachmesse Milipol in Paris. Auch Meissner nahm an dieser Veranstaltung teil. Geschäftspartner von Annette Brückner berichteten kurz darauf, dass sie „Polygon auf der Milipol gesehen hätten“. Das erscheint auch durchaus logisch, denn in dem später wieder einmal geänderten SENSUS-Arbeitsprogramm (Annex I) vom Juni 2001 hieß es lapidar: „Eintrittsdatum Mevisto am 1. Dezember 1999 (Übernahme der Aufgaben von Genesys).“ Mevisto brachte demnach das Kunststück fertig, auf dem SENSUS-Stand auf der Milipol im November eine Software zu zeigen und erst danach mit den Arbeiten an SENSUS zu beginnen. Auch darüber wunderte sich niemand im SENSUS-Projekt, beim SENSUS-Partner Europol oder bei der EU-Kommission.

Der Europol-Auftrag wird vergeben

Im Dezember schließlich vergab Europol den Auftrag für das Europol-Informationssystem. Gewinner war ein Auftragnehmer-Konsortium, zu dem die SENSUS-Vertragspartner Datamat und Sail Labs gehörten. Die Auftragsvergabe blieb sozusagen „in der Familie“, da auch Europol zu den SENSUS-Vertragspartnern gehörte. Annette Brückner wunderte sich über die Qualifikation der Gewinner: „Keiner dieser Auftragnehmer ist ausgewiesener Spezialist oder Inhaber von Rechten für polizeiliche Informationssysteme. Unsere Firma, die diese Qualifikation erfüllt hätte, war scheinbar am Ende und im Übrigen wirksam „ausgebootet“.

Die Firma Mevisto stellte übrigens wenige Monate später sang- und klanglos ihren Betrieb ein. Mission accomplished!

Das lesen Sie im nächsten Beitrag …

Ein Brief an den BND-Präsidenten Hanning wird vor allem ignoriert | Kanzleramtsminister Steinmeier weiß auch von nichts |
Bodenkamp legt einen gefälschten Vertrag vor | Strafanzeige gegen ehemalige Mitarbeiter und Bodenkamp | Hausdurchsuchung beim BND | Strafbefehl gegen Bodenkamp

Hinweis

Aus Gründen des Schutzes des Persönlichkeitsrechts sind echte Namen solcher Personen, die bisher in den Medien nicht oder noch nicht im Zusammenhang mit den hier geschilderten Ereignissen erwähnt wurden, durch Kunstnamen ersetzt und in Kursivschrift gesetzt. Hinter jedem entsprechenden Namen steht jedoch eine real existierende Person.

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Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie

2 + 2 = 5! Technologiebeschaffung nach Art des BND

Sämtliche bisher erschienenen Beiträge dieser Serie

Teil I: Der BND, Lernout & Hauspie und die Sprachen der Seidenstraße…

I.1 Einleitung
I.2 BND und Sprachtechnologie
I.3: BND und strategische Telekommunikationsüberwachung
I.4: Die Anfänge von Lernout&Hauspie und das Ende von METAL
I.5: Der Umsatzmotor springt an bei L&H und Bodenkamp ist immer dabei
I.6: Was Bodenkamp (und der BND) mit dem größten Borsenbetrugsfall in Europa zu tun haben

Teil II: Der BND, Polygon und das Europol-System

II.1: Der BND, die EU-Projekte und das Europol-System
II.2: Bodenkamp: Am Ende steht ein Strafbefehl

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