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Die Bundestagsverwaltung war schon mal besser: Wie Untersuchungsausschüsse vor mehr als zwanzig Jahren ausgestattet werden konnten …

16. Juli 2014 | Von | Kategorie: IT-PROJEKTE

Jede Wette: Als nächstes kommt der Vorschlag, Brieftauben zur Kommunikation zwischen den Mitgliedern des NSA-Untersuchungsaussschusses zu verwenden! Er wäre von ähnlicher technischer Brilianz wie die Einlassung des Ausschussvorsitzenden Sensburg im ARD-Morgenmagazin [1]. Der bestätigte nämlich, dass man im Ausschuss über „Schreibmaschinen und zwar mechanische“ ernsthaft nachgedacht habe. Was Herr Sensburg bzw. der Ausschuss mit dieser Sicherheitsmaßnahme erreichen möchte, ließ er offen. Und auch die Moderatorin fragt nicht nach.

Was mit Sicherheit damit erreicht werden kann, ist die weitgehende Minimierung möglicher Ergebnisse der umfangreichen Ermittlungsaufträge des Ausschuss. Und das könnte ja durchaus im Interesse der Bundesregierung sein, deren bisherige ‚Unterstützung‘ der Arbeit des NSA-Untersuchungsausschusses dem Vernehmen nach zutreffender als „Sabotage“ bezeichnet wird.

Der Ausschussvorsitzende Sensburg führt im Gespräch mit dem MoMa [1] dann weiter aus, dass der NSA-UA „anders als andere Untersuchungsausschüsse in der Vergangenheit“ einen „laufenden Sachverhalt“ zu ermitteln habe“. Mit dieser Aussage liegt er allerdings gleich mehrfach falsch: Denn erst beim letzten Untersuchungsausschuss – dem über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) – steht die Frage unbeantwortet im Raum, ob die anzunehmende, allzu enge Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsbehörden und Neonazis nicht tatsächlich noch eine „laufende“ ist. Man denke da nur an die Akten-Schredderei im Bundesamt für Verfassungsschutz.
Und schon vor mehr als 20 Jahren lief der „Schalck“-Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag zu einer Zeit, als die Verwertung des DDR-Vermögens durch Angehörige des inneren Kreises des KoKo-Imperiums ebenfalls noch „am Laufen“ war.

Herr Sensburg stellt mit solchen Äußerungen öffentlich zur Schau, dass und wie die MdBs und Ausschussmitglieder schwimmen, wenn’s um die Technik geht. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen. Denn sie sind Abgeordnete und nicht Techniker. Und für letzteres sollte es Fachleute geben im Bundestag – angefangen mit der Bundestagsverwaltung bis hin zum Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Erschreckend ist umso mehr, wie insbesondere die Verwaltung des Deutschen Bundestages den Ausschussvorsitzenden und die Mitglieder öffentlich düpiert und im Regen stehen läßt. Ist das nur eigene Inkompetenz [der Verwaltung] oder politische Absicht?!

Stand der Technik vor rund 20 Jahren: Das Informationssystem für den „Schalck-Golodkowski-Untersuchungsausschuss

Vor mehr als 20 Jahren war der Bundestag schon mal weiter, als es wirklichen und politisch von der Regierungsmehrheit auch gewünschten [sic!] Bedarf gab, einen Untersuchungsausschuss adäquat technisch auszustatten. Wir waren damals federführend beteiligt an der Konzeption, Beschaffung und Entwicklung, sowie späteren Pflege des IT-Systems für den „KoKo“- alias „Schalck-“ [*a] Untersuchungausschuss im Deutschen Bundestag. Es erscheint daher notwendig, als „Zeitzeuge von damals“ daran zu erinnern, was früher schon mal möglich war …

Der Rohstoff – geheime Dokumente / Dokumentenbeweise

Der Rohstoff des „Schalck“-Ausschusses war geheimes bzw. schutzwürdiges Material – nämlich weit mehr als eine Million Text- und Bild-Dokumente auf Papierträger. Und dieses Material „gehörte“ nicht dem Ausschuss. Vielmehr war die Staatsanwaltschaft für Regierungskriminalität der Besitzer. Bei den Dokumenten handelte es sich um „Dokumentenbeweise“ i.S. der Strafprozessordnung, die daher nicht einfach an Dritte – und auch nicht dauerhaft an einen Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag „ausgeliehen“ werden konnten. Es war also notwendig, eine ‚Kopie‘ anzufertigen, die dennoch als unverfälschter / „dokumentenechter“ Beleg für eine Aussage im Untersuchungsausschuss herangezogen werden kann.

Fast alle Dokumente lagen (damals) auf Papierträger vor, waren jedoch von ganz unterschiedlicher Machart: Ganz viel war getippt mit mechanischer Schreibmaschine, wie das in der DDR der damaligen Zeit so üblich war, es kam aber auch mal eine handbeschriebene Papierserviettte vor oder ein Zettel, eine Zeichnung, Fotokopie oder ein Foto. Es war also notwendig, eine unverfälschte / dokumentenechte, elektronische Kopie des Originals auf Papier anzufertigen.

Erzeugung von Scans – elektronisch lesbaren Kopien – unter Polizeischutz

Die Dokumente wurden in Teilportionen – und unter polizeilicher Bewachung – von Berlin zu einem Spezialdienstleister ins Ruhrgebiet verfrachtet. Dort wurden sie – noch immer bewacht von Sicherheitsbeamten – aus ihren Akten(bündeln) entnommen, ggf. entheftet und gescannt. Die Scan-Datei wurde mit Verwaltungsinformationen versehen, die in einer Datenbank gespeichert wurden. Die Scans selbst wurden übertragen auf nicht veränderbare („dokumentenechte“), optische Platten. Anschließend wurden die Dokumente wieder in ihre Akten eingelegt, das Ganze verpackt und – wiederum unter Bewachung – zurückgebracht zum Besitzer, der Staatsanwaltschaft in Berlin.

Bei den optischen Platten handelte es sich um Datenträger von durchaus beachtlicher physischer Größe, gepaart mit entsprechender Speicherkapazität. War eines dieser Dinger voll, wurde es – ebenfalls unter Polizeischutz – zu einem eigens dafür neu aufgebauten Rechenzentrum im Deutschen Bundestag in Bonn vebracht.

Aufbau eines eigenen, isolierten Rechenzentrums für den Untersuchungsausschuss

Damals war die Verwaltung des Deutschen Bundestages durchaus in der Lage, innerhalb weniger Wochen ein räumlich und technisch abgeschottetes Rechenzentrum und Informationssystem für einen solchen Zweck aus dem Boden zu stampfen: Die seinerzeit gewählte Lokalität – auf die Schnelle hatte man nichts anderes gefunden – waren Lagerräume einer nicht mehr genutzten Kantine im ‚Langen Eugen‘, einem Hochhaus des Bundestages am damaligen Regierungssitz in Bonn. Alte, verschmierte Kacheln an den Wänden und auf den Fußböden. Dies alles überlagert von einem Gestank, der mutmaßlich davon herrührte, dass die letzten olfaktorisch ertragreichen Bestände aus den Räumen erst lange nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist bzw. kurz vor Neubezug durch den Ausschuss entfernt worden waren …

Diese Räume wurden innerhalb kurzer Zeit zunächst baulich instand gesetzt und entsprechend sicherheitstechnisch aufgerüstet. Zur physischen Sicherung gehörten selbstredend auch Sicherheitsschleusen, Systeme für die Zugangskontrolle nur für Berechtigte und natürlich auch entsprechende Absicherungen der ‚Außenhaut‘. Dass und wie man so etwas macht, war damals schon und ist heute noch nachzulesen auf der Webseite bzw. in den Ratgeber-Dokumenten des BSI und daher kein Thema, das hier weiter vertieft werden müsste.

Die IT-Infrastruktur

Sichtbares Kernstück der IT-Infrastruktur war eine monströse Jukebox, also ein Wechselsystem für die optischen Platten, das die Ausmaße eines Kleinlastwagen hatte. Jeweils zwei Platten konnten gleichzeitig aktiv gelesen werden. Sie war gesteuert von einem Datenbanksystem, auf dem die Verwaltungsangaben der gescannten Dokumente enthalten waren. Damit verbunden war ein zweites Datenbanksystem, für dessen Entwicklung und später jahrelange Pflege unsere Firma verantwortlich war.

Erschließung des Inhalts der Dokumente

Bei der Konzeption dieses IT-Systems gingen wir von der Überlegung aus, dass die Inhalte jedes Dokuments qualifiziert, d.h. intellektuell zu erschließen waren [*b]: Dazu wurde eine Erfassungssoftware entwickelt, die genutzt wurde von wissenschaftlichen Mitarbeitern des Ausschusses.

Am Arbeitsplatz dieser Mitarbeiter gab es zwei Bildschirme, einen hochauflösenden, auf dem die Dokumente in voller Größe gut lesbar dargestellt wurden. Und daneben einen zweiten Bildschirm, auf dem die Erfassungsanwendung angezeigt bzw. bedient wurde.

Diese Erfassungsanwendung war abgestimmt auf die konkreten Untersuchungsaufträge des damaligen Ausschusses. Sie fragte inbesondere die Namen von Personen und Firmen bzw. Institutionen ab, Daten und Ereignisse und Geschäftsvorfälle, die für den Untersuchungsgegenstand des Aussuchusses relevant waren und sammelte diese Informationen in der Datenbank.

Suchbarer Bestand als Ergebnis der Erschließung

Für jedes Dokument ergab sich durch die inhaltliche Erschließung also ein Konzentrat von ‚Informationsobjekten‘ in Form von Personen und Firmen, Ereignissen, Daten und relevanten Sachverhalten und deren zugehörigen Merkmalen. Jedes einzelne dieser Informationsobjekte bzw. Merkmale davon konnte später bei der Suche verwendet werden [*c] und lieferte einen Verweis auf das entsprechende Dokument, dem dieses Informationsobjekt zugeordnet war. Als Ergebnis einer Suche konnte man sich dann eine Liste der Treffer-Dokumente und ihrer bibliografischen Angaben ausgeben lassen oder direkt die einzelnen Dokumente ansehen.

Nutzung durch die Mitglieder des Untersuchungsausschuss

Auf diese Datenbank konnten alle Ausschussmitglieder zugreifen. Allerdings war das Informationssystem des „Schalck“-Untersuchungsausschusses eben nicht eingebunden in das ’normale‘ Lokale Netzwerk (LAN) der Bundestagsverwaltung am Regierungssitz. Vielmehr war ein eigenes und auch eigens abgesichertes Netz installiert worden und standen in den Abgeordnetenbüros eigene Arbeitsplatzsysteme, auch diese jeweils mit den zwei oben beschriebenen Bildschirmen, für den Zugriff auf das Informationssystem im Ausschuss zur Verfügung.

Der Rest ergibt sich damit von selbst. Berechtigte Abgeordnete (und namentlich benannte Mitarbeiter dieser Abgeordneten) konnten im „Schalck-System“ suchen und Auswertungen durchführen und somit ihrer Arbeit als Mitglieder in einem Untersuchungsausschuss nachgehen.

Das war in Kürze und überblickhaft beschrieben – der Stand der Technik, den die Verwaltung des Deutschen Bundestages vor rund 20 Jahren einem Ausschuss mit gehobenen Geheimhaltungserfordernissen und „laufenden Sachverhalten“ zur Verfügung stellen konnte.

Sollte es bezeichnend sein für die IT-Kompetenz der Bundesrepublik Deutschland, dass in der Bundestagsverwaltung keiner mehr etwas weiß von diesen Möglichkeiten?! Und ein junger Ausschussvorsitzender allein gelassen wird und zwangsläufig als ‚inkompetent‘ dasteht, wenn er laienhafte Phantasien über mechanische Schreibmaschinen anstellt?! Wir kennen die Antwort nicht auf diese Frage.

Mit Sicherheit können wir jedoch davon ausgehen, dass einer auch nur annähernden Aufklärung der Machenschaften der amerikanischen Geheimdienste in Deutschland (und ihrer Unterstützung durch die deutschen Dienste) mit mechanischen Schreibmaschinen nicht beizukommen sein wird.


Es sei denn, man setzte darauf, dass sich die Amerikaner und ihre deutschen Unterstützer über diesen Ansatz schlapp lachen …

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Fußnoten

[*a] Untersuchungsgegenstand des Ausschusses war der Komplex ‚Kommerzielle Koordinierung‘ (KoKo) der ehemaligen DDR, geleitet vom so genannten „Devisenbeschaffer der DDR“, Alexander Schalck-Golodkowski
[*b] Eine OCR-Aufbereitung war denkbar, jedoch nicht machbar. Dabei wird das „Bild“ eines Dokuments „gelesen“ und umgewandelt in einem für einen Computer lesbaren Text. Das kam jedoch aufgrund der sehr unterscheidlichen Bildqualität der Dokumente nicht in Frage. Ferner wirft Volltext bzw. Volltextsuchen grundsätzlich ein Qualitätsproblem auf. Denn die für eine Suche verwendeten Begriffe – im Falle „Schalck-UA“ wären dies z.B. „Kunsthandel“ oder „Waffenhandel“ oder ähnliche Abstrakta gewesen – tauchen als solche Begriffe in einem Dokument gar nicht auf, selbst wenn es dort genau um das gesuchte Thema geht, z.B. um Kunsthandel.
[*c] Die Entwicklung des IT-Systems für den „Schalck-„Untersuchungsausschuss und die dabei gemachten Erfahrungen initiierten die Entwicklung des Systems Polygon.

Quellen zu diesem Beitrag

[1] ARD Morgenmagazin vom 14.07.2014

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