Akteure | IPCC und Konsorten

Unglaublich günstig! Die Kosten von Crime

4. März 2015 | Von | Kategorie: CRIME, IPCC UND KONSORTEN

Das IPCC – das Inpol-Polas-Competence Center, ein lose Kooperationsgemeinschaft von Polizeibehörden, wirbt ja schon seit Jahren damit, dass Software-Beschaffung, Weiterentwicklung und Pflege auf die spezielle Weise des IPCC wirtschaftlich und investitionssicher sei und standardisierte, moderne und leistungsfähige IT-Verfahren für die tägliche polizeiliche Arbeit sicherstelle. So jedenfalls liest man es auch wieder in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage in der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg [1].

Crime-Kooperation – Kooperationspartner und jährliche Beiträge

Erstmals werden in der genannten Antwort [1] und einem Vorläuferpapier, der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage vom 21.10.2011 [2], auch Kooperationspartner und konkrete Zahlen genannt. Demnach waren an der Crime-Kooperation zwischenzeitlich sechs Partner beteiligt, nämlich Hessen, Baden-Württemberg, Hamburg, Sachsen-Anhalt, das Zollkriminalamt und seit 2014 Brandenburg. Angaben zu den Entwicklungskosten vor 2006 kann Hamburg nicht vorlegen, seit 2006 brachten alle Kooperationspartner zusammen pro Jahr diese Pflege- und Weiterentwicklungskosten auf:

Jährliche Ausgaben der Crime-Kooperation für Pflege und Weiterentwicklung (in Euro)

Jährliche Ausgaben der Crime-Kooperation für Pflege und Weiterentwicklung (in Euro)

Das sind Gesamtkosten von rund 3,9 Mio Euro, Brandenburg zahlt seit 2014 einen Anteil von 47.619 Euro.

Diese Zahlen sind bemerkenswert, bedeuten sie doch für 2014 und 2015, dass für die Softwarepflege und Weiterentwicklung von Crime in sechs großen Landes- bzw. Bundesbehörden und mit tausenden von mit Crime ausgestatteten Arbeitsplätzen insgesamt angeblich nur 500 Manntage pro Jahr abgerechnet werden (499.999 Euro Pauschale pro Jahr dividiert durch den branchenüblichen Manntagessatz von 1.000 Euro [a] ergibt 500 Manntage). Das entspricht einer Personalkapazität von (500 Manntage / 220 Arbeitstage pro Jahr), also rund 2,3 Vollzeitäquivalenten pro Jahr. Und das ist erstaunlich wenig für die Pflege und Weiterentwicklung eines Fallbearbeitungs- und Informationssystems vom verlangten Funktionsumfang.

Weiterentwicklungsnotwendigkeiten für Fallbearbeitungssysteme der letzten Jahre

Umso mehr, als für solche Systeme in den vergangenen Jahren und kommenden Jahren ganz erheblicher Weiterentwicklungsaufwand zu leisten ist:

  • Da war bzw. ist noch die Integration des Informationsmodells XPolizei zu stemmen. Auch wenn Crime, wie die Polizei Hamburg so zutreffend erklärt, mit dem generischen Datenmodell ein hochflexibles Datenmodell verwendet, bedeutet es doch Aufwand, sämtliche Objekttypen, die Merkmalstypen zu jedem Objekttyp und – vor allem – die zahlreichen Kataloge für Merkmalsbegriffe einzuarbeiten, um das Fallbearbeitungssystem kompatibel zu machen mit XPolizei bzw. dem späteren PIAV(-Landessystem).
  • Immer wieder sind Anpassungen vorzunehmen, die sich insbesondere aus Gesetzesänderungen ergeben: Erst vor wenigen Monaten wurden das Gesetz für die Antiterrordatei und für die Rechtsextremismusdatei geändert, was entsprechende Anpassungen in den Fallbearbeitungssystemen der Länder nach sich zieht.
  • Immer gut für Anpassungsbedarf ist das BKA mit seiner BLDS-Schnittstelle, die berücksichtigen muss, wer in der Lage sein will, z.B. im BAO-Fall Informationen direkt aus dem Landessystem an das BKA zu übertragen, ohne sie erneut zu erfassen.
  • Und dann gibt es fachliche Anforderungen an die Weiterentwicklung im Sinne einer echten funktionalen Weiterentwicklung für die tägliche polizeiliche Arbeit..

Dass das alles für fünf Landes- und eine Bundesbehörde mit einer Personalstärke von 2,2 Mann pro Jahr zu bewerkstelligen sein soll, grenzt an ein Wunder!

Aufwand für die anstehende PIAV-Entwicklung …

Unter anderem deswegen, weil die Behörden, die sich zur Crime-Kooperation zusammengeschlossen haben, auch samt und sonders PIAV-Landessysteme zu betreiben haben. Nun ist aus der Ausschreibung für die PIAV-Zentralkomponente beim BKA bekannt [3], dass man dort einen Anbieter suchte, der – obwohl er vorhandene und bei deutschen Polizeibehörden eingeführte Standardsoftware ins Projekt einbringt – hohe Entwicklerkapazität ins Feld führen kann: Beim BKA dachte man so an die 200 Software-Entwickler, die der erfolgreiche Bewerber aufbieten können sollte. Und nicht zuletzt hat ja auch die Firma Rola, von Hause aus schon um ein Vielfaches größer als das Crime Entwicklerbüro, den Zuschlag für Crime Operativ Zentral erst nach der Firmenübernahme durch die Telekom/T-Systems und die damit verbundene Stärkung der personellen Basis erhalten.

Oder ob bei der Crime-Kooperation etwas ganz falsch aufgefasst bzw. gegenüber Politik und Öffentlichkeit falsch dargestellt wird? Wenn man dort angibt, für sechs Behörden für die normale Softwarepflege, Weiterentwicklung und Neu-Entwicklung der PIAV-Landessysteme mit einer Personalstärke von 2,2 Mann pro Jahr auszukommen. Da fragt man sich dann schon, ob beim BKA maßlos übertrieben wird, wenn am besten 200 Entwickler verfügbar sein sollen für die Anpassung einer vorhandenen Standardsoftware „in geringem Umfang“ an die Erfordernisse von PIAV-Zentral. Oder ob mit den Zahlen aus Hamburg etwas nicht stimmt.

Stimmen die Zahlen des Senats?

Natürlich wollen wir der Antwort des Senats in der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg nicht unterstellen, dass falsche Zahlen angegeben worden sind. Aber möglicher Weise waren die Zahlen ja nicht vollständig: Und gibt es weitere Kostenpositionen für die Softwarepflege bzw. „Weiterentwicklung“ von Crime bzw. der PIAV-Komponente(n) von Crime, die in der Antwort des Senats nicht berücksichtigt sind.

Oder aber die Zahlen sind richtig und vollständig: Dann allerdings bleibt nicht viel Raum für fachliche Weiterentwicklungswünsche, es sei denn diese werden – an der IPCC-Kooperation vorbei – direkt von der jeweiligen Polizeibehörde an das Entwicklerbüro bezahlt. Oder aus sonstigen „Kassen“, die in der Antwort im Hamburgischen Senat nicht berücksichtigt sind. Ein Sachverhalt, der plausibel wäre, jedoch die, zuletzt gerade in Brandenburg so vehement betonte (angebliche) ‚Wirtschaftlichkeit‘ der Einführung von Crime in einem anderen Licht erscheinen ließe. Und die Frage aufwerfen würde, wie solche Beschaffungsmaßnahmen vergaberechtlich zu beurteilen sind.

Apropos Wirtschaftlichkeit aus der Sicht von Brandenburg:
Die angesetzten Einzahlungen von Brandenburg an die Crime-Kooperation belaufen sich für 2014 und 2015 auf jeweils 47.619 Euro. Dabei handelt es sich offensichtlich um anteilige Umlagebeträge, denn irgendwelche Sonderaufwendungen für die Einführung von Crime in Brandenburg sind darin erkenntlich nicht enthalten. Was allerdings sehr verwunderlich ist. Denn mit der Einführung eines solchen Systems in einer Landesbehörde sind erhebliche einmalige Anpassungsaufwendungen verbunden:

  • Der Katalog aller Dienststellen (der Polizei des Landes Brandenburg) muss eingepflegt werden,
  • im Katalog für die polizeilichen Maßnahmen ist das Landespolizeigesetz einzuarbeiten,
  • dann muss die gesamte Nutzerverwaltung aufgebaut werden
  • und nicht zuletzt gibt es vermutlich auch fachlichen Bedarf für die Weiterentwicklung von Crime, um den Funktionsumfang zu erreichen, den man sicht vorstellt, bzw. kennt.

Das alles kostet Geld – in einem Umfang, der in den Kostenansätzen der Antwort aus Hamburg nicht zu erkennen ist. Schwer vorstellbar, dass dies mit dem Gegenwert von 47.619 Euro, also rund 48 Manntagen pro Jahr leistbar sein soll.

Irgend etwas läuft ganz gewaltig schief im Markt der polizeilichen Informationstechnik

Da gibt es einen Anbieter, der Haus und Hoflieferant ist der Bundesbehörden und zahlreicher Landesbehörden. Der sich mit den Mühen der Auftragsakquisition im offenen Wettbewerb seit Jahren gar nicht mehr herumzuschlagen brauchte. Denn die Auftraggeber an die Firma Rola vergaben ohnehin freihändig und ohne Wettbewerb. Das lohnt sich für den Auftragnehmer und zwar so, dass er im Jahresabschluss stolz verkünden kann, dass sein Gewinnanteil am Umsatz im Jahr 2013 auf 44% gestiegen ist [4]. Von jeweils 100 Euro Umsatz blieben bei diesem Auftragnehmer also 44 Euro Gewinn hängen.

Ganz anders die Crime-Kooperation bzw. generell das Geschäftsmodell des IPCC: Sie erlöste 2013 mit allen Produkten (also nicht nur mit Crime …) nur rund ein Drittel des Umsatzes der Firma Rola, also rund 5,8 Mio Euro im Vergleich zu über 17 Mio Euro. Das Auftragsvolumen ist jedoch durchaus vergleichbar. Beide Anbieter haben mehrere Bundes- bzw. Länderbehörden(RSCase und Derivate ./. Comvor/Crime und AddOns) zu bedienen und beide Anbieter haben Zentralsysteme beim BKA (b-case/GED/in Zukunft PIAV Operativ Zentral ./. Inpol/Polas) zu betreuen. Dass der eine Anbieter dabei einen dicken Gewinn macht, steht auf einer Seite des Blattes: Man kann diesen Gewinn allerdings herausrechnen und kommt dann bei Rola zu einem (um den Gewinn verminderten) Umsatz von 11,8 Mio Euro. Das IPCC „macht“ die Hälfte davon. Wie kann es sein, dass von der Menge her vergleichbare Leistungen um 100% auseinanderliegen?! Irgend etwas läuft hier ganz gewaltig schief.

Übereinstimmung herrscht bei beiden Beschaffungsvarianten nur auf einem Gebiet: Sie sind weder transparent, noch vergaberechtskonform, noch wirtschaftlich für die öffentliche Hand.

Fußnoten / Anmerkungen

[a]   Der Betrag von durchschnittlich 1.000 Euro pro Manntag für großvolumige Rahmenverträge ergibt sich z.B. aus der Vergabebekanntmachung von Dataport für einen Auftrag an Trivadis [4] .

__________________________________________________________________________________________

Dieser Beitrag ist Teil der Serie …

Polizeiliche Informationssysteme – IPCC und Konsorten

In dieser Reihe sind bisher die folgenden Artikel erschienen:
(3)   Wird Dataport das neue IPCC?!, 07.03.2014, Polygon-Blog
(2)   Das IPCC und seine Form der Public-Private Partnerschaft, 13.02.2014, Polygon-Blog
(1)   Das IPCC – marktbeherrschend aber weitgehend unbekannt, 12.02.2014, Polygon-Blog

Quellen zu diesem Beitrag

[1]   Polizeifachliche Softwareprojekte und Dataport, Schriftliche Kleine Anfrage und Antwort des Senats vom 16.09.2014, Drs-Nr. 20/12989
[2]   Kriminalität und Einsatz moderner Fahndungsmethoden, Schriftliche Kleine Anfrage und Antwort des Senats vom 21.11.2011, Drs-Nr. 20/1841
[3]   in: Vergabeverfahren in Theorie und Praxis, 23.09.2013, Polygon-Blog
[4]   Bekanntmachung des von Dataport an Trivadis vergebenen Auftrags, 18.12.2013, TED, Nr. 2013/S 245-427428

Schreibe einen Kommentar