IT-Systeme & -Projekte | PIAV (8)

Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern als Melkkühe?!

3. Dezember 2014 | Von | Kategorie: NEUES VOM PIAV

Wirklich überrascht war wohl kaum jemand über die Entscheidung aus dem BMI-Beschaffungsamt, den Auftrag für PIAV Operativ Zentral an die Firma Rola Security Solutions zu vergeben. Schließlich arbeitet insbesondere der Bund schon seit mehr als drei Jahren darauf hin, dass an seiner frühen Entscheidung „pro Rola“ kein Weg vorbei führt.

Dazu passte dann auch, dass die Firma Rola im Mai diesen Jahren „verkauft“ wurde. Das berichtete jedenfalls die Wirtschaftswoche unter der Überschrift „Telekom übernimmt IT-Sicherheitsfirma“ [1]. Die Telekom wolle damit den neuen Geschäftsbereich Cyber Security verstärken und den Know-How-Transfer ins Ausland verhindern. Der Kaufpreis wurde, wenig überraschend, nicht bekannt gemacht. „Rola ist seit 2014 ein Unternehmen der T-Systems International GmbH“ stand kurz darauf auf der Webseite von Rola. Und der Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer, Dr.Jörg Kattein, wurde am 16.05.2014 als Geschäftsführer abgelöst [2]. Sein Amt übernahm ein gewisser Stefan Günzel, laut Spiegel ein ehemaliger Mitarbeiter des Bundesamts für Verfassungsschutz und früher einmal Leiter der Abteilung Forensik der Konzernsicherheit bei der Telekom [3].

Während dessen brüteten die Entscheider im Bundesinnenministerium weiter über der Entscheidung für PIAV-Operativ Zentral. Und ein ganzes Jahr nach Ende des Teilnahmewettbewerbs waren die Würfel noch immer nicht gefallen. Zwar hatte das Beschaffungsamt schon früh die Anforderungskriterien nachgebessert, um solche Anbieter hoch zu punkten, die ganz viele Mitarbeiter in der Softwareentwicklung haben. Ein Kriterium, bei dem Rola, jedenfalls in der „alten“ Form noch nicht mit Spitzenwerten glänzen konnte. Doch vermutlich war ja die Stärkung der Personaldecke auch ein Grund für die angekündigte Übernahme durch die Telekom bzw. T-Systems.

Am 07.10.2014 dann erteilte das Beschaffungsamt der Firma Rola den Zuschlag für PIAV-Operativ Zentral [4]. Im Handelsregister für die Firma tat sich jedoch erst drei Wochen später etwas: Am 30.10. wurde eingetragen, dass Rola verschmolzen wird mit einer völlig unbekannten Firma namens „Transparent Goods GmbH“ mit Sitz in Köln [5]. Eine Firma, die offensichtlich keine laufenden Einnahmen mehr hat und deren Jahresabschluß für 2012 den beachtlichen Verlustvortrag von über 6 Millionen Euro aufweist [6]. Am 4.11. benannte sich die Transparent Goods um. Sie heißt jetzt „Rola Security Solutions GmbH“ und ihr Sitz wurde verlegt an den bisherigen Firmensitz von Rola in Oberhausen [7]. Einen Tag später wurde die (bisherige) Firma Rola Security Solutions GmbH im Handelsregister des Amtsgerichts Duisburg gelöscht [8]. Die (neue) Firma Rola, eingetragen im Handelsregister in Köln, erhielt noch einen neuen Unternehmensgegenstand, nämlich „die Erstellung, der Vertrieb und die Integration sowie die Schulung, die Wartung und der Support von Softwarelösungen, sowie Lösungen für die sichere mobile Kommunikation, für öffentliche Auftraggeber mit einem Schwerpunkt für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) und weitere Kunden, die vergleichbare Aufgabenstellungen haben.“ Ob damit die Zahl von Softwareentwicklern an Bord des Rola-Schiffes gestiegen ist, die das BMI für den PIAV-Auftrag sehen wollte?! Man weiß es nicht.

Die erwerbende Firma – Transparent Goods – war bis dahin nicht als Anbieter für Behörden mit Sicherheitsaufgaben aufgefallen und steckte seit acht Jahren in tiefroten Zahlen: Bis zum 31.12.2012 waren mehr als 6 Millionen Verlust aufgelaufen und nur eine Rangrücktrittsvereinbarung ihres Gesellschafters, der T-Systems International GmbH, konnte abwenden, dass die Firma wegen Überschuldung Insolvenzantrag stellen musste [6].
Im Hinblick auf diesen Brocken an Verlust ist die Verschmelzung mit der (alten) Rola für T-Systems außerordentlich vorteilhaft: Rola ist nämlich ein ungewöhnlich profitables Unternehmen: Denn der Gewinn – allein bis Ende 2013 sind trotz Entnahmen durch die Gesellschafter 9,7 Millionen Euro aufgelaufen – kann steuermindernd mit dem Verlust der Transparent Goods verrechnet werden kann.

Sicherheitsbehörden des Bundes und der Länder sind schon aus eigenem Interesse sehr preisbewusst und zahlen nur das, was unbedingt nötig ist – sollte man meinen. Vor wenigen Tagen berichtete der Behördenspiegel [9], dass bei der Bundespolizei Fahrzeuge stillgelegt werden mussten, weil kein Geld mehr da war für den Sprit. Umso mehr erstaunt, was die Firma Rola, die nach eigener Auskunft [10] „überwiegend im Inland tätig“ ist und deren Kunden „nahezu ausschließlich Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern aus den Bereichen Polizei, Militär und Nachrichtendienste“ sind, an Umsatz und Gewinn aus diesen Kunden herausholen konnte: Denn für jeweils 1.000 Euro Umsatz, den Sicherheitsbehörden an Rola gezahlt haben, blieben dort im Durchschnitt der letzten sieben Jahre 426 Euro Gewinn übrig 2). Das ist exorbitant; Branchenkennern ist kein weiteres Unternehmen der IT-Branche bekannt, das auch nur annähernd an diese Umsatzrentabilität 1) heranreicht. Und bei Rola war man sich dessen auch bewusst: Stolz schreiben die Rola-Geschäftsführer im Lagebericht zum Jahresabschluss 2013 [10]: „Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit verbesserte sich im Verhältnis zum Umsatz von 41,0 % auf 44,1 % und betrug im Geschäftsjahr 8.061,5 T€“.

Wie exorbitant dies ist, bestätigt sich auch aus Auswertungen der Bundesbank [11]: Die veröffentlicht Vergleichskennzahlen von Jahresabschlüssen von zehntausenden Unternehmen nach Branchen und Firmengrößen sortiert. Demnach haben andere Kapitalgesellschaften in der IT-Branche mit einer zu Rola vergleichbaren Firmengröße gerade mal zwischen 7,3 und 13,6 Prozent (Gewinn vom Umsatz). Rola erzielte bisher also das Vierfache des Gewinns im Vergleich mit anderen IT-Firmen. Da muss die Frage erlaubt sein:

  • Welche Beamte in den Beschaffungsstellen der Rola-Behördenkunden akzeptieren solche Preise?
  • Warum???
  • Und was tut eigentlich die zuständige Preisprüfungsbehörde?

Denn es kommt ein weiterer Verdacht hinzu: Dem Anschein nach hat hier der Steuerzahler ein erstes Mal weit mehr gezahlt als angemessen wäre, weil solche Preise von den Auftraggebern akzeptiert wurden. Die Preise waren entscheidend für den Umsatz von Rola und für den aufgelaufenen Gewinn. Die wiederum sind die Messgrößen für den Firmenwert bei Verkauf oder Übernahme. Der Verdacht steht im Raum, dass durch einen solcherart überzogenen Firmenwert auch der Kaufpreis für das Unternehmen in die Höhe getrieben wurde und der Steuerzahler hier ein zweites Mal zur Ader gelassen wird.

Doch wie immer im Falle Rola dürfte von Seiten aller Beteiligten und bei den Rola-Kunden das Prinzip gelten: Man hat nichts gesehen, nichts gehört und nichts gewusst.

Spätestens in zwei Jahren, wenn PIAV-Operativ Zentral dann im operativen Einsatz sein soll, wird sich diese Frage auch auf technischem Gebiet erneut stellen.

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Fußnoten

ad 1)
Die Umsatzrentabilität stellt den auf den Umsatz bezogenen Gewinnanteil dar. Sie wird berechnet als Gewinn * 100 / Umsatz. Diese Kennzahl lässt also erkennen, wieviel das Unternehmen in Bezug auf 1.000 € Umsatz verdient hat. Eine Umsatzrendite von 10% bedeutet, dass mit jedem umgesetzten Euro ein Gewinn von 100 Euro erwirtschaftet wurde. Andere Begriffe für Umsatzrentabilität sind u.a.: Umsatzrendite, Return on Sales, Umsatzverdienstrate.

ad 2)
Ausgewählte Bilanzkennzahlen der Rola Security Solutions GmbH 2007 – 2013
auf der Basis der im Unternehmensregister veröffentlichten Jahresabschlüsse des Unternehmens [12]

Rola_Bilanzkennzahlen

Dieser Beitrag ist Teil der Serie …

Neues vom PIAV

Bisher erschienene Beiträge

Teil 1 vom 23.09.2013: BMI bestätigt: Bisherige Verbundprojekte gescheitert!
Teil 2 vom 26.09.2013: Vergabeverfahren in Theorie und Praxis
Teil 3 vom 01.10.2013: Ein eigener Fall: Inpol-Fall
Teil 4 vom 12.01.2014: Neues vom PIAV (4) – Wieder mal viel heiße Luft …
Teil 5 vom 26.03.2014: (Nichts) Neues vom PIAV (5) – Verzögerungen und erneut viel heiße Luft …
Teil 6 vom 23.05.2014: Neues vom PIAV (6): Die Verfertigung des Wunschkandidaten
Teil 7 vom 23.06.2014: Telekom übernimmt Rola

siehe auch: Gemauschel bei Polizeiprojekten, 23.10.2010, Telepolis

Quellen zu diesem Beitrag

[1] Spionageabwehr: Telekom übernimmt IT-Sicherheitsfirma, 21.06.2014, Wirtschaftswoche
[2] Auszug aus dem Handelsregister des Amtsgerichts Duisburg, HRB 13071 vom 16.05.2014 – Geschäftsführerwechsel – über https://www.unternehmensregister.de
[3] Codename ‚Phylax‘, 02.06.2008, SpiegelOnline
[4] Vergabebekanntmachung des BMI-Beschaffungsamts vom 22.11.2014 über PIAV-Operativ-Zentral an Rola Security Solutions GmbH
[5] Auszug aus dem Handelsregister des Amtsgerichts Duisburg, HRB 13071 vom 30.10.2014 – Verschmelzung – über https://www.unternehmensregister.de
[6] Jahresabschluss der Transparent Goods GmbH auf den 31.12.2012 über https://www.unternehmensregister.de
[7] Auszug aus dem Handelsregister des Amtsgerichts Köln, HRB 61753 vom 04.11.2014 – Umbenennung, neue Satzung über https://www.unternehmensregister.de
[8] Auszug aus dem Handelsregister des Amtsgerichts Duisburg, HRB 13071 vom 05.11.2014 – Löschung – über https://www.unternehmensregister.de
[9] Pleite teilweise abgewendet, Unabweisbarer Bedarf rettet Bundesbehörden, 07.11.2014, Behördenspiegel
[10] Jahresabschluss der Firma Rola Security Solutions GmbH auf den 31.12.2013 über https://www.unternehmensregister.de
[11] Verhältniszahlen aus Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen von 2010 bis 2011, Mai 2014, Deutsche Bundesbank, siehe dort S. 251
[12] Sämtliche veröffentlichten Jahresabschlüsse der (alten) Rola Security Solutions GmbH können über diese Adresse abgerufen werden: https://www.unternehmensregister.de; „gelöschte Firmen“ anklicken!

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