Milchmädchenrechnungen …

17. Mai 2013 | Von | Kategorie: BUND UND LÄNDER

Kennen Sie auch diese Beleidigungen des gesunden Menschenverstands, die uns immer wieder zugemutet werden und zwar in vielen Lebensbereichen:

  • Da müssen 10 Milliarden Euro aufgewendet werden, um drei zyprische Banken zu „retten“, die zusammen keine 500 Millionen mehr wert sind.
  • Die Einführung eines neuen IT-Systems ist „wirtschaftlich“, weil das Einsparpotenzial beim abzulösenden System völlig überzogen „berechnet“ wird.
  • Die Kriminalität sinkt, weil die Zahl der bekanntgewordenen Fälle zurückgeht.

Ich halte solche Zahlenjonglierereien für Milchmädchenrechnungen – und frage mich, ob die Verfasser bzw. Verbreiter solcher ‚Nachrichten‘ dauerhaft inkompetent sind, nur zeitweise das Denken abgeschaltet haben oder ob üble Absicht dahinter steckt.

Was ist eine „Milchmädchenrechnung“?

Wikipedia definiert die Milchmädchenrechnung als

„die Bezeichnung für eine naive Betrachtung oder Argumentation, die wesentliche Rahmenbedingungen nicht beachtet oder falsch in Ansatz bringt, und deshalb zu einem nur scheinbar plausiblen, tatsächlich jedoch unzutreffenden Ergebnis kommt.“

Erklärungsversuche …

  1. Unsere Gesellschaft ist generell zahlengläubig: Wenn also jemand scheinbar exakte Zahlen präsentiert, denen einen wissenschaftlichen bzw. methodischen Anstrich verleiht und sein Ergebnis mit genügender Überzeugung vertritt bzw. in schicker Aufmachung präsentiert, hat der eigentlich schon gewonnen.
  2. Das ökonomische Prinzip ist Grundlage des wirtschaftlichen Handelns: Also werden Wirtschaftlichkeitsberechnungen angestellt, damit über eine Investition entschieden oder die Kosten und der Nutzen eines Projekts ermittelt werden können. Einmal erstellt, prüft kein Mensch mehr nach, ob die Berechnungen stimmen, die Ansätze richtig sind und Aufwendungen und Einnahmen korrekt ermittelt wurden.
  3. Wir sind überlastet (und auch ein bisschen denkfaul) und daher gerne bereit „Fachleuten“ zu vertrauen. Die Überlastung sorgt dafür, dass sich nicht jeder einzelne auf Zahlen gründende Behauptung ansehen will – und kann. Hinzu kommt, dass man häufig keinen Zugang zu den Basisdaten hat, die Methoden der Auswertung nicht beherrscht oder schlicht die Zeit fehlt. Daher vertrauen wir gerne den „Fachleuten“, vor allem, wenn sie uns den Eindruck vermitteln, dass sie wissen, was sie tun.
  4. Doch auch Fachleute können Fehler machen. Jedoch überprüft kaum jemand, was uns Fachleute als ihr Ergebnis vorsetzen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wichtige Ergebnisse immer von zwei unabhängigen Experten(teams) nach dem Vier-Augen-Prinzip berechnet, gesichtet und verantwortet würden.
  5. Auch Fachleute haben (eigene) Interessen. : Ein klassisches Beispiel: Ein Beraterteam erstellt eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung für ein neues IT-System. Eindeutiger Sieger ist das System „Top“. „Top“ wird also in Auftrag gegeben. Mit der Einführung, die die Beschäftigung auf mindestens zwei Jahre sichert, wird genau das Beraterteam beauftragt, das zu dem so positiven Ergebns für „Top“ gekommen ist. Zufall?! Nein – häufige Praxis!

Wenn also Zahlen und Berechnungen verwendet werden, um Entscheidungen zu begründen, Meinungen zu beeinflussen oder Politik zu machen, sollte man sich darauf verlassen können, dass die Ausgangsdaten stimmen, die Berechnungen korrekt sind und die beauftragten Fachleute keine eigenen Interessen verfolgen. Von diesen einfachen Forderungen sind wir leider weit entfernt.

Mit dieser neuen Rubrik möchten wir solchen Milchmädchenrechnungen die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen zusteht. Wenn auch Sie ein „Milchmädchen“ kennen, vor allem aus den Themengebieten Polizei – IT – Politik und Gesellschaft – so schreiben Sie bitte an milchmaedchen@polygon.de.

Und hier gleich das „Milchmädchen der Woche“ …

Frankfurt wieder Hauptstadt des Verbrechens„, so oder so ähnlich titeln Welt, Focus und andere überregionale Zeitungen nach Vorstellung der PKS2012. Denn Frankfurt belegt bei der so genannten Häufigkeitszahl, also den erfassten Straftaten pro (100.000) Einwohner, den Spitzenwert. Das PP Frankfurt weist bei der Vorstellung der lokalen PKS für 2012 [dort Seite 38] auf die besonderen Einflussfaktoren für Frankfurt hin: Ein Flughafen mit (im Jahr 2012) 52,5 Mio Passagieren im Stadtgebiet, eine hohe Kontrolldichte bei der Ein- und Ausreise am Flughafen, sowie Kontrollen in Brennpunktbereichen, wie dem Rotlicht- und dem Rauschgiftmilieu, sorgen für eine hohe Zahl entdeckter Fälle, die mit der Einwohnerzahl in keinem Zusammenhang stehen.

Die bayerische Politik [Im Septemba wiad gwöuit!] schlachtet das positive Ergebnis für München (weniger als die Häfte gegenüber Frankfurt) dennoch politisch aus: Ursache sei, erklärt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) u.a. die „Null-Toleranz-Strategie gegen jede Art von Rechtsbruch“ im Freistaat. Zwischenruf, Herr Herrmann und Hinweis für Nicht-Bayern: Der Flughafen Franz-Joseph-Strauß, mit 28,6 Millionen Passagieren der zweitgrößte in Deutschland, liegt 30 km vor den Toren und daher nicht mehr auf Münchener Stadtgebiet.

Schlagworte: , , , ,

Kommentare sind geschlossen