Polizei | Spurensicherung

Spurenauswertung – eine Frage des Geldes?!

29. Juli 2013 | Von | Kategorie: PERSONAL UND RESSOURCEN

„Spurensicherung: Berliner Polizei soll nicht mehr allen Spuren nachgehen“ titelte die Berliner Morgenpost am gestrigen Sonntag etwas reißerisch. Um Spurensicherung ging es dann allerdings gar nicht mehr, sondern vielmehr um den Bearbeitungsstau in einzelnen Fachabteilung für kriminaltechnische Untersuchungen im Berliner Landeskriminalamt. Die erst dann etwas zu tun bekommen, wenn die Spurensicherung am Tatort ihre Arbeit getan hat. Besonders prekär ist der Rückstau dem Bericht zufolge bei den KT-Untersuchungen in drei Bereichen: DNA (9.000 unbearbeitete Aufträge aus 2012), Daktyloskopie (7.200) und Werkstoffspuren (2.000).

Danach wird es polemisch in der Berliner Morgenpost: „Offenes Geheimnis“ sei es, dass bei der kriminaltechnischen Spurenuntersuchung zuerst die Kapitalverbrechen bearbeitet würden, dann die Fälle, bei denen Tatverdächtige in U-Haft sitzen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine beklagenswerte „Misere„, sondern um Priorisierungen, die in jeder Polizeibehörde vorgenommen werden. Selbstverständlich wird eine DNA-Spur in einem Sexual- oder Tötungsdelikt mit höherer Priorität behandelt, als die blutähnliche Anhaftung am Fensterrahmen eines aufgebrochenen Wochenendhäuschens.

Zumindest bei den DNA-Analysen kann die Abteilung für forensische Genetik an der Charité den Engpass überbrücken. Derzeit werden dort jährlich 3.700 Aufträge des LKA quasi „outgesourced“ bearbeitet und ab dem Haushaltsjahr 2014 sollen die Mittel dafür noch erheblich aufgestockt werden. Von vergleichbarer Hilfe durch Dritte bzw. Private ist bei den Finger- und Handabdrücken bzw. Werkstoffspuren allerdings nicht die Rede.

Das Problem bei den Wurzeln packen?!

Der neue Polizeipräsident, Klaus Kandt, wird zitiert: „Wir überlegen, wie wir zielgerichteter arbeiten können und vor allem die Spuren auswerten, die auch Erfolg versprechen.“ Man müsse „genau prüfen, welche Spuren aussagekräftig sind und zum Täter führen können“, formuliert die Zeitung weiter. Beide Anforderungen sind nichts Neues, sondern Selbstverständlichkeiten, gerade auch für einen Polizeipraktiker, wie Klaus Kandt. Zu diesem Zweck gibt es – nach der Spurensicherung am Tatort – die operative Spurenauswertung, bei der ein erfahrener Kriminaltechniker jede gesicherte Spur begutachtet und beurteilt, ob sie (a) überhaupt auswertbar ist und (b) für die Auswertung bzw. Ermittlung notwendig ist, was z.B. nicht der Fall ist, wenn es mehrere vergleichbar gute Fingerabdrücke der gleichen Person gibt. Es darf also unterstellt werden, dass eine solche Form der operativen Spurenauswertung auch in der Berliner Polizei praktiziert wird und Polizeipräsident Kandt damit bestens vertraut ist.

Was steckt dahinter?!

Insofern bleibt rätselhaft, was der Artikel in der Berliner Morgenpost tatsächlich aussagen wollte: Überlegt man in der Berliner Polizei, die kriminaltechnische Tatortarbeit, z.B. nach Deliktsarten, einzuschränken?! Sollen bestimmte Spurenarten, z.B. bei Massendelikten, gar nicht mehr gesichert werden, weil die Auswertung teuer und der Ermittlungserfolg (siehe Kriminalstatistik) ohnehin zweifelhaft ist. Soll es also z.B. keine (kostenaufwändigen) DNA-Untersuchungen mehr geben beim BSD – besonders schweren Diebstahl, keine Schuhspurenaufnahme und -untersuchung bei Wohnungseinbrüchen, keine Fingerspurenauswertung mehr bei Fahrzeugdiebstählen. Oder sollen pro Tatort nur noch soundsoviel Spuren gesichert und der Auswertung zurgeführt werden? Die Überlegung wäre nachvollziehbar, wenn man allein dem Primat von Personaleinsatz und Kosteneffizienz folgt. Es wären dann allerdings einige Rechtsgrundlagen zu ändern, z.B. die Strafprozessordnung bzw. Polizeidienstvorschriften. Doch davon ist – derzeit jedenfalls – noch nicht die Rede.

Derzeit bleibt also nichts anderes, als auch dieses Thema auf die „Watchlist“ zu setzen für Bestrebungen, Teile der Strafverfolgungsaufgaben der Polizei loszuwerden bzw. zu privatisieren. Und darauf zu hoffen, dass die Springer-Presse – trotz des angekündigten Verkaufs auch der Berliner Morgenpost – Artikel bringt, die ein klein wenig besser recherchiert und durchdacht sind …

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