Direkt gefragt (01.2013) aktualisiert

14. Juni 2013 | Von | Kategorie: POLYGON-NEWS

Erstmals erschienen am 15.5.2013, aktualisiert am 14.6.2013

Ihre Firma Polygon ist seit 1996 für die Polizei des Landes Brandenburg tätig [1]. Sie kennen die IT-Ausstattung der Polizei in Brandenburg und ihre Nutzung also relativ genau.

Wo drückt Ihrer Meinung nach den Anwender am meisten der Schuh?
Der Sachbearbeiter in der Kripo verlangt IT-Werkzeuge, die ihn entlasten und Zeit sparen. Er erwartet insbesondere, dass notwendige Informationen nur einmal eingegeben bzw. abgefragt werden müssen [2]. Seit der Einführung der Vorgangsbearbeitung ComVor müssen z.B. alle Grunddaten zu einer Straftat in ComVor eingegeben werden [3]. Das ist sinnvoll so, denn ComVor vergibt die für die Vorgangsverwaltung notwendige ‚Tagebuchnummer“ [4]. Wenn ein Vorgang dann, z.B. im Staatsschutz oder durch die Kriminaltechnik weiterbearbeitet wird, kommt heute Polygon als Fallbearbeitungssystem zum Einsatz [5]. Es wäre also sinnvoll, wenn die in ComVor schon erfassten Informationen elektronisch weitergegeben werden könnten. Leider stellt ComVor diese Möglichkeit – jedenfalls derzeit und in Brandenburg – nicht zur Verfügung [3]. Die Folge ist, dass die gleichen Daten noch einmal eingetippt werden müssen. Dadurch entsteht Mehrbelastung für den Sachbearbeiter, er fühlt sich gestresst und ist frustriert, weil er eigentlich nicht Polizist geworden ist, um einen Teil seiner Arbeitszeit als Datentypist zu verbringen.

Wer müsste bzw. was müsste getan werden, um dieses Problem zu beseitigen?
Nach der Ersteingabe ist ComVor der Inhaber der Daten. Also müsste ComVor die Möglichkeit vorsehen, bestimmte, selektierte Daten an ein anderes Informationssystem weiterzugeben. Ich habe über dieses Thema im Jahr 2009 erstmals mit dem für ComVor Verantwortlichen gesprochen: Die Antwort war vom Typ „Radio Eriwan“: ComVor sei „grundsätzlich“ in der Lage, die dort erfassten Informationen auch an andere Informationssysteme weiterzugeben. Konkret jedoch stehe diese Funktion für die Weitergabe von ComVor an Polygon aktuell nicht zu Verfügung. Daran hat sich seither nichts geändert.

Ist das Ihrer Meinung nach der Grund für die Einführung von Crime in Brandenburg? Denn nachdem sowohl ComVor als auch Crime Produkte der „IPCC“-Kooperation sind [6], müssten die beiden Systeme doch bestens „miteinander können“?!
Diese Frage können die Entscheider in Brandenburg bzw. die Verantwortlichen von Crime bzw. ComVor vermutlich besser beantworten.
Als wir jedoch vor ein paar Wochen letztmals danach gefragt haben, war die Antwort, dass es auch zwischen ComVor und Crime keine Schnittstelle gibt – jedenfalls nicht in oder für Brandenburg. Wenn das zutrifft, halte ich das für einen kaum zu glaubenden Sachverhalt angesichts der seit Jahren gehaltenen Sonntagsreden von der Einmalerfassung und Einmalabfrage [7].

Wie schwierig ist es für den Hersteller eines IT-Systems, eine Schnittstelle für die Informationsweitergabe an andere Systeme bereitzustellen?
Diese Anforderung zu erfüllen, erfordert keine technischen Meisterleistungen vom Hersteller des jeweiligen IT-Systems. Auch die Anforderung an sich ist nicht außergewöhnlich: Die Fähigkeit zum Informationsaustausch zwischen den IT-Systemen von Geschäftspartnern, auch wenn sie sich technisch unterscheiden, ist in der „globalen“ Weltwirtschaft eine Selbstverständlichkeit. Die Vereinten Nationen haben z.B. mit ‚EDIFACT‘ ein Regelwerk geschaffen, das es Geschäftspartnern aus unterschiedlichen Ländern und Branchen erlaubt, miteinander Informationen auszutauschen [8].

Und auch ComVor ist ja „grundsätzlich“ in der Lage dazu, Informationen weiterzugeben, wie man an der „halbautomatischen“ Schnittstelle zwischen ComVor und Polas sehen kann [9]. Dass es derzeit in Brandenburg keine Schnittstellen von ComVor zu „übergeordneten“ Fallbearbeitungssystemen gibt, dürfte nicht an technischen Problemen bei der Realisierung einer solchen Schnittstelle liegen. Mangelnde Leistungsfähigkeit der an der Entwicklung beteiligten Firmen – bekanntlich gehört auch Microsoft dazu – würde ich ebenfalls nicht unterstellen. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob überhaupt ein Auftrag (der ComVor-Entwicklungskooperation) für die zeitnahe Realisierung einer solchen Informations-Ausgabe-Schnittstelle erteilt wurde bzw. – wenn nicht – warum eigentlich nicht.

Vermutlich kostet die Entwicklung einer solchen Schnittstelle sehr viel Geld. Ist es dann nicht besser, d.h. billiger, beim Status Quo zu bleiben und (in Gottes Namen) zu verlangen, dass der Anwender gleiche Information mehrfach eingibt?!
Am besten entscheiden Sie diese Frage selbst anhand der folgenden Zahlen:
Eine Stunde Arbeitszeit eines Mitarbeiters des gehobenen Dienstes wird in den üblichen Wirtschaftlichkeitsberechnungen in Brandenburg mit rund 32 Euro angesetzt [10]. Wenn ein Sachbearbeiter pro Arbeitstag im Schnitt nur 5 Minuten zusätzlich aufwenden muss, für die doppelte Erfassung der Grunddaten einer Straftat, so kosten diese 5 Minuten also 32 Euro / 60 * 5 = 2,66 Euro. Bei tausend Mitarbeitern entstehen dafür Kosten von 2.666 Euro pro Arbeitstag. Bei rund 200 Arbeitstagen pro Jahr [ebenfalls in [10]] belaufen sich also die Kosten für scheinbar „lächerliche“ 5 Minuten Zusatzarbeit auf 533.333 Euro pro Jahr.

Ein Beispiel zum Vergleich: Unsere Firma hat eine Landeslizenz verkauft für die Polys-„Fallbearbeitung“ für die Rockerkriminalität. Eine Informations-Ausgabe-Schnittstelle an Inpol-Fall (FUSIO) ist darin enthalten. Der Gesamtpreis (einschließlich Mehrwertsteuer) hat weniger als 30.000 Euro betragen.

Dass man die eigenen Mitarbeiter frustriert und gleichzeitig Mehrausgaben im sechsstelligen Bereich in Kauf nimmt, ist aus meiner Sicht als Techniker und Kaufmann kaum nachzuvollziehen. Eine mögliche Erklärung mag darin liegen, dass sich Brandenburg in der Kooperation mit der Forderung nach einer Ausgabeschnittstelle für ComVor nicht durchsetzen (oder die nicht allein bezahlen) kann oder will. Die andere Erklärung mag darin liegen, dass die Personalkosten von Beamten in den üblichen Wirtschaftlichkeitsberechnungen der Verwaltung als „nicht haushaltswirksam“ [11] gelten. Sie kosten ja auch nur das Geld des Steuerzahlers …

Aktualisierung am 14.06.2013

Wir bedanken uns beim Zentraldienst der Polizei des Landes Brandenburg, der angeregt hatte zu prüfen, ob die Inhalte dieses Beitrags zuvor bereits öffentlich publiziert waren bzw. ob es sich ggf. um „interne Vorgänge und Abläufe handelt, die uns ausschließlich im Rahmen der bestehenden Vertragsbeziehungen (mit dem ZDPol) bekannt geworden“ sind. Diese Prüfung hatten wir bereits vor der Veröffentlichung des Beitrags vorgenommen, da uns sehr daran gelegen ist, keine geheimhaltungsbedürftigen Informationen bekannt zu machen. Wir greifen die Anregung jedoch gerne auf, um dort, wo auch Belange der Polizei des Landes Brandenburg berührt sein könnten, auf die öffentlich verfügbaren Quelle(n) hinzuweisen. Im Text steht jeweils eine Zahl in eckigen Klammern, die gleiche Zahl in der Liste am Ende des Beitrags verweist auf mindestens eine bzw mehrere öffentliche(n) Quelle(n) bzw. Fundstelle(n) für den jeweils genannten Sachverhalt.

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Quellen und Fundstellen

[1]     http://www.lda.brandenburg.de/sixcms/media.php/4055/TB_07.pdf, Seite 35ff

[2] http://www.mi.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=14962&article_id=62624&_psmand=33
http://www.polizei.rlp.de/internet/nav/4f1/4f160b44-4d8c-1101-44b9-4615af5711f8&conPage=1&conPageSize=50.htm
http://www.rola.com/produkte/polizeibehoerden/rsevid.html

[3]     http://www.internetwache.brandenburg.de/fm/85/web%20info%20110_%2001-07.pdf, dort S. 12

[4]     http://www.internetwache.brandenburg.de/sixcms/detail.php?id=448617

[5] http://www.internetwache.brandenburg.de/fm/85/INFO_02_2003.pdf, dort Seite 9
Polygon im Einsatz im Staatsschutz: Polygon-Datenblatt ASS, Polygon-Broschüre, Intranet der Polizei Brandenburg und Marketingunterlage für Polygon seit mind. 2008
Polygon im Einsatz bei der Kriminaltechnik: Polygon-Datenblatt KTIS, Polygon-Broschüre, Intranet der Polizei Brandenburg und Marketingunterlage für Polygon seit 04.2009

[6]     http://de.wikipedia.org/wiki/POLAS

[7] http://www.service-bw.de/zfinder-bw-web/showConcern.do?anliegenId=63
http://www.internetwache.brandenburg.de/sixcms/detail.php?id=448617

[8]     http://de.wikipedia.org/wiki/EDIFACT

[9]     http://www.dpolg-bw.de/orga/tv/aktuelles/archiv2010/2010_26.pdf

[10]     Die Personalkosten für Kostenberechnungen/Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen werden vom Bundesministerium der Finanzen veröffentlicht, siehe http://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/bsvwvbund_09052011_IIA3H101210070001004.htm.
Angesetzt sind die Werte aus den „Personalkostensätzen 2010“ und zwar (gerundet) 90% der dort ausgewiesenen Personalkosten für Beamte nachgeordneter Bundesbehörden, siehe http://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/pdf/BMF-IIIA1-20110509-SF-A001.pdf

[11]     WiBe 4.1: Empfehlungen zur Durchführung von Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen in der Bundesverwaltung, besonders beim Einsatz der IT, Version 4.1 – 2007, herausgegeben von der KBST = Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung, dort Seite 32, oben

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