Direkt gefragt 02.2013: Heute zum Thema Migration

16. Mai 2013 | Von | Kategorie: POLYGON-NEWS

Fragen an die Verantwortlichen der Firma Polygon aus der Sicht des betroffenen Anwenders … – und offene Antworten darauf … Heute zum Thema Migration

Wie beurteilen Sie aus Ihrer fachlichen Sicht das Vorhaben einer Migration?
Man spricht in der Informationstechnik von einer „Migration“, wenn die Software-Infrastruktur eines System grundlegend ausgetauscht wird. Ein solcher „grundlegender Wechsel“ ist aktuell jedoch nicht zu erkennen: Die System-Infrastruktur bleibt im Wesentlichen unverändert, also Datenbank-Server mit Oracle-Datenbanksystem, Browser für den Zugriff auf die Datenbank und Windows-PC am Arbeitsplatz des jeweiligen Anwenders. Ausgetauscht werden soll ein polizeiliches Informationssystem mit generischem Datenmodell durch ein anderes polizeiliches Informationsmodell, ebenfalls mit generischem Datenmodell. Im vorliegenden Fall geht es daher allenfalls um eine Datenmigration.

Was bedeutet dann „Datenmigration“ ganz konkret?!
Bei der „Datenmigration“ geht es um die Überführung von Informationen und Dokumenten, die in Polygon gespeichert sind, in das gewünschte Zielsystem. Wikipedia gibt hier einen ganz guten Überblick.

Wie beurteilen Sie dafür die Erfolgaussichten?
Ich sehe zwei für den Erfolg wesentliche Faktoren:

1.) Richtige Beurteilung von Umfang und Komplexität des Migrationsprojekts
Das Ziel einer Datenmigration besteht darin, dass sämtliche für die Zukunft (und für die Datenpflege der Vergangenheit) relevanten Informationen und Dokumente aus dem Ausgangssystem vollständig, sowie strukturell und semantisch fehlerfrei im Zielsystem „ankommen“ und dort funktional genutzt werden können. Ein solches Migrationsprojekt erfordert umfassende Erfahrung und technische Kenntnisse über die Daten- und Informationsmodelle der Ausgangs- und Zielsysteme, sowie über die Funktionalitäten der Anwendungen, die darauf zugreifen. Wir fragen uns, ob Umfang und Komplexität dieses Migrationsprojekts realistisch eingeschätzt werden, insbesondere hinsichtlich des Zeitaufwands, aber auch hinsichtlich der notwendigen Kompetenz externer Unterstützer.

2.) Richtige Beurteilung der notwendigen technischen Unterstützung
Wir kennen Polygon – als Patententwickler und Entwickler der darauf aufsetzenden Software, natürlich sehr genau. Crime ist ein System, das nach eigener Darstellung das „generische“ bzw. „EAV/CR“-Datenmodell benutzt, welches dem Polygon-Datenmodell sehr ähnlich ist. Nur aufgrund dieser Ähnlichkeit halten wir eine Datenmigration überhaupt für machbar, wenn auch für sehr anspruchsvoll. Unabdingbare Vorausetzung ist allerdings, dass die Techniker beider Systeme intensiv eingebunden sind.

Gleichzeitig bezweifeln wir jedoch die Sinnhaftigkeit dieses Ansatzes, da wir den dafür notwendigen Aufwand nicht gerechtfertigt sehen durch so viel größere funktionale bzw. technischen Vorteile des Zielsystems. Wesentlich sinnvoller wäre eine Kooperation und Zusammenführung der beiden Systeme, um – sozusagen – das Beste aus beiden Welten nutzen zu können. Auch dann wären für Brandenburg ja die Vorteile der Mitgliedschaft in einer Entwicklungs- und Pflegekooperation nutzbar.

Welches Ergebnis erwarten Sie?
Diese Frage kann ich natürlich nur subjektiv und anhand meiner Berufserfahrung beantworten: Bei einer Fortsetzung des bisherigen Ansatzes wird eine vollständige Migration von Informationen und Doumenten nicht gelingen. Um überhaupt irgend etwas migriert zu bekommen, wird man erhebliche Zeit, Kraftanstrengungen und Kosten investieren müssen. Danach wird man ein Zielsystem zur Verfügung haben, das einen Bruchteil der Informationen und Dokumente des Ausgangssystems aufweist und im Hinblick auf diese Informationen und Dokumente wesentliche Funktions- und Anwendungseinschränkungen in Kauf nehmen (müssen).

Das Datenmodell des Zielsystems ist, wie schon erwähnt, „sehr ähnlich“ zum Ausgangssystem, was erneut die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Migration aufwirft. Das Informationsmodell und die Begriffskataloge wird man adaptieren müssen, wenn nicht erhebliche semantische und strukturelle Informationsverluste in Kauf genommen werden sollen. Um diese zu vermeiden, müsste das (harmonisierte) Informationsmodell und die Begriffskataloge von Polygon am besten vollständig übernommen, was dann auch rechtlich zu klären wäre. Auch danach wird das Zielsystem funktional und wirtschaftlich nicht identisch sein im Hinblick auf die heute vorhandenen, polizei-fachlichen Anwendungen, auf die Möglichkeiten (und Kosten) der grafischen Visualisierung und auf die heute vorhandenen Schnittstellen zu anderen polizeilichen Informationssystemen.

Ich halte es für wahrscheinlich, dass man für eine ggf. sogar längere Übergangszeit doppelgleisig fahren muss, also beide Systeme parallel betreiben muss – ein Zustand, den wir für alles andere als erstrebenswert halten – für alle Beteiligten.

Welche Alternativen sehen Sie?!
Der Wunsch Brandenburgs nach Zugehörigkeit zu einer Kooperation – auch bei den Fallbearbeitungs-, Analyse- und Auswertungssystemen – ist nachvollziehbar und richtig. Fraglich ist, ob der eingeschlagene Weg zum bestmöglichen Ergebnis führt: Normal ist es im Wirtschaftsleben, Kooperationen einzugehen und Synergien anzustreben. Im vorliegenden Fall könnte eine Synergie, also technische Integration von Crime und Polygon wesentlich mehr Sinn machen, als der aktuelle, konfrontative Ansatz. Ziel sollte es sein, die vorhandenen Informationen und Dokumente im jeweiligen System weiterhin nutzen zu können und vorhandene Anwendungen weiterhin einsetzen zu können. Polygon könnte in diese Kooperation funktionale Leistungsmerkmale seines Datenmodells und des harmonisierten Informationsmodells einbringen, die Polys-Fachanwendungen und -Entwicklungsumgebung, die grafische Analyse und Auswertung mit PIOS, sowie die Schnitttstellen zu BLDS/Inpol-Fall, RED und Kompatibilität mit IMPII.

Man hätte damit also sowohl Crime als auch Polygon in einem System integriert, die Zugehörigkeit zu einer Entwicklungs- und Pflegekooperation mehrerer Länder erreicht, die Möglichkeit eröffnet, damit verbundene Angebote, insbesondere im Service- und Schulungsbereich zu nutzen und nicht zuletzt weitere Debatten über rechtliche Fragen überflüssig gemacht.

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