Polygon in Brandenburg (Teil 1) aktualisiert

14. Juni 2013 | Von | Kategorie: POLYGON-NEWS

Erstmals erschienen am 30.4.2013, aktualisiert am 14.6.2013

POLYGON ist seit 1996 das Informationssystem für die Kriminalpolizei in Brandenburg. Ursprünglich hieß das Projekt KEV = komplexe Ermittlungen. Es bestand – der damaligen Struktur der Polizei des Landes Brandenburg entsprechend – aus sieben Datenbankservern, die miteinander gekoppelt waren und einer größeren Anzahl von daran angeschlossenen Arbeitsplatzrechnern mit Polygon-Software. Die anfänglichen Einsatzgebiete waren Staatsschutz, OK- und Wirtschaftkriminalität, sowie BTM-Delikte. [1] Im Zuge einer damals anstehenden Strukturreform wurde dann umgestellt auf ein zentrales Datenbanksystem, ab 2005 wurde Polygon ausgebaut zu einer „Landeslizenz“, was bedeutet, dass jedes Polygon-Programm und jede Fachanwendung auf beliebig vielen Arbeitsplatzrechnern in der Polizei des Landes Brandenburg eingesetzt werden kann [2]. Ebenfalls 2005 wurde der neue Datenbankbrowser Polys dann in Brandenburg eingeführt und damit die Polys-Fachanwendungen, die eine effektive und kostengünstige Möglichkeit darstellen, die vorhandenen, fachlichen Anforderungen der unterschiedlichen Einsatzbereiche mit maßgeschneiderten Lösungen zu unterstützen. Im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 entstand die Anforderung, Daten aus polizeilichen Landessystemen (z.B. im Falle eines Anschlags / einer „BAO-Lage“) an zentrale Systeme beim BKA zu übertragen. Polygon wurde erweitert um die Polygon-BLDS-Schnittstelle, so dass von einem verantwortlichen Anwender gefilterte) Informationen aus dem Polygon-Landessystem an das BKA übermittelt werden können, ohne dass eine erneute Erfassung (z.B. an einem Inpol-Fall-„Terminal“) notwendig ist. Seither liegt Brandenburg (mit Polygon) bei entsprechenden Einsätzen bzw. Übungen technisch mit an der Spitze der Länder, die Informationsübermittlung ohne Mehrfacherfassung realisiert haben.

Komponenten [3]

Polygon-Datenmodell

Polygon ist ein Datenbanksystem, das aus beliebig vielen, einzelnen Datenbanken besteht, die gemeinsam auf einem Datenbankserver verwaltet werden. Das ist rechtlich so vorgeschrieben, da Informationen aus den einzelnen Arbeitsbereichen (Staatsschutz, OK, usw.) nicht gemeinsam in einer Datenbank gespeichert werden dürfen.

In jeder Datenbank gibt es drei Arten von Informationen, nämlich

  • strukturierte Informationen, das sind z.B. Namensangaben zu einer Person, KFZ-Kennzeichen, Modellangaben etc. zu Fahrzeugen, Postleitzahl, Ort und Straße/Hausnummer zu Adressen u.v.m., sowie Beziehungen zwischen Personen, Fahrzeugen, Adressen usw.
  • Texte von beliebiger Länge – die als „Volltexte“ bezeichnet werden, sowie
  • Dokumente, wie Word- oder PDF-Dateien, Excel-Tabellen, Grafiken und Fotos, Audios oder Videos
Einheitliches (harmonisiertes) Informationsmodell

Zugegeben: Ein sperriges Wort. Einfacher ausgedrückt, ist ein „Informationsmodell“ (in der Datenbanken-Welt) eine Vereinbarung darüber,

  1. welche Objekttypen (Personen, Firmen, Organisationen, Adressen, TK-Anschlüsse, Fahrzeuge, Waffen usw.) das System kennt und
  2. welche Merkmale verwendet werden, um ein Objekt von jedem dieser Typen anzulegen. Merkmale für eine Person sind z.B. der Vorname, Familienname, und Geburtsdatum und Geburtsort.

Bei Polygon arbeiten alle Fachanwendungen mit dem gleichen Informationsmodell, also mit den gleichen Objekttypen und pro Objekttyp mit den gleichen Merkmalstypen. Damit ist zumindest technisch gewährleistet, dass – bei Bedarf und sofern rechtlich zulässig – der Staatsschutz Informationen aus dem Rocker-Bereich erhält oder von den szenenkundigen Beamten, die Fußball-Hooligans betreuen.

Anwendungsprogramme

Um Informationen zu erfassen, bzw. zu bearbeiten oder auszuwerten, gibt es in Polygon drei Werkzeuge (=Programme).

Die meisten Benutzer verwenden den Datenbankbrowser Polys. Mit Polys werden (strukturierte) Informationen oder Volltexte in Formularen erfasst bzw. angezeigt. Ferner gibt es rechts am Bildschirm jeweils einen umfangreichen „Baum“, in dem alle Informationen „aufgehängt sind“, die z.B. zu einem bestimmten Strafverfahren gehören. Außerdem kann man in Polys beliebige Dokumente erstellen bzw. vorhandene Dateien an einen Baum hängen. Damit kann man z.B. die Datei mit einem Vernehmungsprotokoll in den Baum hängen, wo auch die sonstigen Informationen zur vernommenen Person abgelegt sind.

Das zweite Werkzeug heißt PIOS, ein Werkzeug für die grafische Eingabe von Informationen und – vor allem – für die automatische grafische Darstellung von Beziehungsgeflechten, z.B. zwischen Personen, Adressen, Firmen und Fahrzeugen in einem komplexen Ermittlungsverfahren.

Und für Daten, die bereits elektronisch gespeichert vorliegen, z.B. weil sie aus anderen Systemen stammen (Einwohnermeldeamt o.ä.) gibt es die Polygon-Importer.

Fachanwendungen

Fachanwendungen gehören zu Polys, wie der Bohrvorsatz zur Bohrmaschine. Denn die Fachanwendungen stellen die Bildschirmformulare bzw. Bäume zur Verfügung, die ein bestimmter Fachbereich der Kriminalpolizei für seine Arbeit braucht. Dieser Ansatz ist bei manchen Entscheidern nicht sonderlich populär. Jeder Praktiker weiß allerdings, dass es nun einmal fachliche Besonderheiten gibt, z.B. im Staatsschutz (man denke an die Erfassungsstruktur für PMK-Meldungen), oder im Rockerbereich (man denke an die charakteristische Organisationsstruktur von MCs) oder an die besondere Arbeitweise von „Mordkommissionen“. Die Polys-Fachanwendungen sorgen dafür, dass diese fachlichen Bedürfnisse für jeden Fachbereich so realisiert sind, dass fachlich beste Arbeitsergebnisse möglich sind.

<h4 Meldepflichten und Verbunddateien
In vielen Kriminalitätsbereichen gibt es Meldepflichten – eine von den betroffenen Nutzern meist ungeliebte Zusatzaufgabe, weil sie erfahrungsgemäß viel zusätzliche Arbeit macht: Denn meist, d.h. ohne Polygon, muss ein- und dieselbe Information mindestens zweimal erfasst werden – einmal im landeseigenen System und ein weiteres Mal z.B. an einem Inpol-Fall-PC, um der Meldepflicht Genüge zu tun.

Diese Zusatzbelastung für den einzelnen und Ressourcenverschwendung für die Organisation ist mit Polygon überflüssig: Wo Meldepflichten zu erfüllen und Verbundanwendungen zu beliefern sind, stellt Polygon „Schnittstellen“ bereit. Man kann sie sich vorstellen wie Fähren über einen Fluss: Ein Anwender filtert im Polygon-System die Informationen, die übermittelt werden sollen (das geschieht immer aktiv, von Seiten eines verantwortlichen Anwenders; ein automatischer „Abgriff“ von Informationen von außen auf die Bestände des Landesystems ist rechtlich also nicht zulässig und auch technisch nicht möglich.) Diese Information stellt der Anwender für die Übermittlung zur Verfügung, er belädt also sozusagen die „Fähre“: Erst dann wird die „Schnittstelle aktiv“ und schickt die Fähre (bzw. die darauf gesammelten Informationen auf die Reise.

Datenübernahme aus ComVor

In Brandenburg ist ComVor als das zentrale Vorgangsbearbeitungssystem der Polizei eingesetzt. Folglich werden alle polizeilich relevanten Vorgänge zunächst in ComVor erfasst, d.h. zumindest die Grunddaten müssen in ComVor eingegeben werden, damit überhaupt eine Tagebuchnummer erzeugt werden kann. Denn ohne Tagebuchnummer kein „Vorgang“! Viele Vorgänge sind jedoch so komplex in ihren Bearbeitungs-Anforderungen, dass sie anschließend mit einer Fachanwendung von Polygon weiter bearbeitet werden. Das trifft schon zu für „einfache“ PMK-Meldungen, weil alle Staatsschutz-relevanten Informationen ins Auswertesystem Staatsschutz eingespeist werden müssen, betrifft aber auch alle Vorgänge, mit Spurensicherung durch die Kriminaltechnik(er) oder Delikte gegen Leib und Leben etc.

Nun wäre es eigentlich (technisch) kein großes Problem, die Grunddaten zu einem Vorgang aus ComVor an eine Schnittstelle zu übergeben. Dort könnten sie abgeholt und „in Polygon“ eingelesen und weiter genutzt werden. Dass das möglich ist, sieht man ja an der Tatsache, dass es zwischen ComVor und POLAS auch eine Schnittstelle gibt. Ich habe an Besprechungen zu diesem Thema schon im Jahr 2008 im Ministerium des Innern teilgenommen. Leider ist eine entsprechende Schnittstelle bis heute (soweit hier bekannt) nicht beauftragt oder in die Planung der ComVor-Entwicklungskooperation (der Länder) aufgenommen worden. Insofern bedauern wir die Situation. Allerdings sind wir genauso ohnmächtig wie jeder Anwender, denn wir können die Daten ja nicht „aus dem ComVor-System klauen“. [4]

Zum zweiten Teil dieses >Beitrags

Aktualisierung am 14.06.2013

Wir bedanken uns beim Zentraldienst der Polizei des Landes Brandenburg, der angeregt hatte zu prüfen, ob die Inhalte dieses Beitrags zuvor bereits öffentlich publiziert waren bzw. ob es sich ggf. um „interne Vorgänge und Abläufe handelt, die uns ausschließlich im Rahmen der bestehenden Vertragsbeziehungen (mit dem ZDPol) bekannt geworden“ sind. Diese Prüfung hatten wir bereits vor der Veröffentlichung des Beitrags vorgenommen, da uns sehr daran gelegen ist, keine geheimhaltungsbedürftigen Informationen bekannt zu machen. Wir greifen die Anregung jedoch gerne auf, um dort, wo auch Belange der Polizei des Landes Brandenburg berührt sein könnten, auf die öffentlich verfügbaren Quelle(n) hinzuweisen. Im Text steht jeweils eine Zahl in eckigen Klammern, die gleiche Zahl in der Liste am Ende des Beitrags verweist auf mindestens eine bzw mehrere öffentliche(n) Quelle(n) bzw. Fundstelle(n) für den jeweils genannten Sachverhalt.

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Quellen und Fundstellen

[1] Tätigkeitsbericht des Brandenburgischen Datenschuztbeauftragten zum 31. Dezember 1998, dort Seite 35ff

[2] Jahresbericht 2011 des Landesrechnungshofs Brandenburg dort ab S. 144

[3] Informationen über Polygon und Polygon-Fachanwendungen sind seit Jahren markt-öffentlich verfügbar, u.a. auf unserer Webseite und zwar insbesondere

  • Polygon Informationssystem und Werkzeuge für Fachanwender in der Kriminalpolizei
  • Polygon-ASS Systembeschreibung, September 2008
  • Polygon-KTIS Datenblatt
  • Polygon-BAO-Kurzbeschreibung
  • Polygon-HEADS-Systembeschreibung
  • Polygon-SABAA-Datenblatt
  • Polygon-SSB-Datenblatt
[4] Quellen und Fundstellen zu den Sachverhalten in diesem Absatz finden sich am Ende dieses Beitrags

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