Polygon in Brandenburg (Teil 2) aktualisiert

14. Juni 2013 | Von | Kategorie: POLYGON-NEWS

Erstmals erschienen am 17.5.2013, aktualisiert am 14.6.2013

Zum ersten Teil des Beitrags

Die Schulungssituation

Seit Jahren – leider – ein leidiges Thema. Dabei wäre es so notwendig, wenn endlich wieder qualifizierte Schulungen für die Polygon-Fachanwendungen angeboten würden, damit Anwender überhaupt erfahren, was diese Werkzeuge für sie tun können. Eine ganze Zeitlang hat unsere Firma gemeinsam mit Coreferenten aus der Fachlichkeit diese Schulungen konzipiert und an der FHPol durchgeführt [1]. Dann wollte die FHPol die Schulungen selbst durchführen, ein Ansatz, den wir sehr begrüßt hätten, da wir ein Software-Entwickler sind und keine Schulungseinrichtung. Leider ist es jedoch nicht gelungen, mit der FHPol zu einer Verständigung darüber zu kommen, dass auch ein noch so begabter Trainer Schulungen für Fachanwendungen nicht allein dadurch konzipieren kann, dass er die Handbücher des Herstellers liest. Unser Angebot bestand darin, wie von der FHPol angefragt, sieben (bzw. 8) Lehrtrainer der FHPol zu schulen und fortlaufend auf dem aktuellen Stand der Entwicklung zu halten, die dann ihrerseits weitere IT-Trainer einweisen. Doch lief diese Verhandlung dann gründlich aus dem Ruder mit Forderungen der FHPol nach einem ganz eigenen Schulungssystem, nach umfassenden Services für die Unterhaltung sehr komfortabler Schulungsumgebungen etc. So haben wir dann heute (leider) die Situation, dass die FHPol qua ihres Auftrages das Aus- und Fortbildungsmonopol für die Bediensteten der Polizei des Landes Brandenburg besitzt [2] und keinerlei Schulungsmaßnahmen für Polygon anbietet. Was, in Anbetracht einiger hundert Anwender, zumindest für die Einfachheit seiner Bedienung spricht …

Zufriedenheit der Anwender mit Polygon

Im Frühjahr 2009 habe ich gemeinsam mit einem Kollegen an einer Beratung im Ministerium des Innern (MI) des Landes Brandenburg teilgenommen. Teilnehmer waren, neben Vertretern des MI, die damaligen (beiden) Polizeipräsidenten, der (damalige) Direktor des LKA, sowie der Präsident der FHPol. Die Vertreter der Polizeibehörden erklärten jeweils für ihren Bereich, dass „ihre“ Anwender zufrieden seien mit Polygon und kein Ablösungsbedarf bestehe.

„Vorstudie“, „Wirtschaftlichkeitsbetrachtung“ und das Verbot der Neu- bzw. Weiterentwicklung

Wenig später erging ein Erlass, mit dem das MI den ZDPol beauftragte, eine „ergebnisoffene“ „Vorstudie zur strategischen Ausrichtung der Fallanalyse- und -Auswertungssysteme“ zu erstellen, sowie eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung durchzuführen. Ein Zwischenbericht sollte im September 2009 vorliegen, der Endbericht Ende 2009. Neu- bzw. Weiterentwicklungen von Polygon/Polys wurden ab Anfang 2009 per Erlass „untersagt“. In Folge dessen war es nicht möglich, Produktverbesserungen, die unsere Firma ohnehin entwickelt hatte bzw. hätte, zum Einsatz zu bringen, die im Übrigen auch gar nichts „extra“ gekostet hätten. Denn so etwas ist (bei uns jedenfalls) in der „Softwarepflege“ enthalten.

Zwei Jahre lang geschah dann gar erst einmal nichts – jedenfalls nichts in Sachen „Vorstudie“. Polygon dümpelte [3a] mit minimaler personeller Unterstützung des Auftraggebers vor sich hin – beim ZDPol waren 1,5 VZÄ (Vollzeit-Äquivalente) [3b] für die Betreuung eines Systems mit mehreren hundert Anwendern zuständig . Lediglich für wichtige Pilotprojekte (IMPII / BLDS / RED) wurden Erweiterungen von Polygon beauftragt, entwickelt und zum Einsatz gebracht. Brandenburg schnitt im Vergleich mit anderen Ländern in der Regel sehr gut ab, wenn es um den Nachweis der Fähigkeiten zum Datenaustausch mit anderen polizeilichen Informationssystemen ging. Dem „normalen“ Anwender im Land nützte das allerdings herzlich wenig.

Entscheidung des MI

Im Herbst 2011 waren [für uns] dann Aktivitäten zur Erstellung dieser Vorstudie zu bemerken. Es kam zu einigen, wenigen Gesprächen mit den Mitarbeitern dieses Vorstudienteams. Ein Interesse an SABAA, der Fallbearbeitungs-, Analyse- und Auswertekomponente in Polygon, war nicht zu bemerken. Angebote unsererseits, gerade diese Komponenten einmal ausführlich vorzustellen, wurden rundheraus abgelehnt. Bei den Kosten für Polygon wurde anscheinend, so war aus Rückfragen zu entnehmen, nicht berücksichtigt, dass in „unserem“ Pflegevertrag mit dem Land Brandenburg nicht nur die „normale“ Softwarepflege enthalten ist, sondern auch ein Kontingent von 110 Manntagen pro Jahr, den das Land nach eigenem Ermessen für Serviceleistungen des Herstellers einsetzen kann. Dann gab es Rückfragen, die darauf schließen ließen, dass bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von Polygon nicht berücksichtigt wurde, dass das Land für einige Polygon-Komponenten, wie z.B. die SABAA, niemals Lizenzgebühren bezahlen musste. Dies wäre bei der Bemessungsgrundlage für die Softwarepflege zugunsten von Polygon zu berücksichtigen gewesen. Auf unsere Versuche, dies zu erläutern bzw. richtig zu stellen, wurden wir gebeten,

„von weiteren Kontaktaufnahmen Abstand zu nehmen, um keinen Eindruck zu erwecken, der Ihrer Firma in den weiteren Geschäftsbeziehungen zum Nachteil gereichen könnte“, sowie „von weiteren Schreiben … Abstand zu nehmen“.

Wir haben uns selbstverständlich an das Verdikt gehalten. Das hat den Geschäftsbeziehungen jedoch auch nicht „zum Vorteil gereicht“ …

Das Ergebnis dieser Vorstudie wurde dann wohl Anfang des Jahres 2012 dem MI vorgelegt. Wir baten also mit gebührendem Zeitabstand, nämlich im April 2012, das MI darum, über das Ergebnis informiert zu werden. Die Antwort lautete, dass die Vorstudie vorliege und „der hiesigen Bewertung“ bedürfe. Man werde „zu gegebener Zeit … auf die Angelegenheit zurückkommen“.

Mit Erlass vom 16.5.2012 bekräftigte das MI seine Entscheidung, das System Crime als das künftige Fallbearbeitungs-, Analyse- und Auswertungssystem in Brandenburg einzuführen. Im Erlass heißt es, unter Bezug auf die Vorstudie, dass Crime „wirtschaftlicher“ sei als Polygon. Das avisierte Gespräch kam nicht zustande, eine Begründung oder Gelegenheit zur Stellungnahme haben wir nicht erhalten.

Wir stellten also Antrag auf Akteneinsicht in die Vorstudie nach dem Brandenburgischen Akteneinsichts- und Informationsfreiheitsgesetz (BbgAIG). Dieser Antrag wurde mit wechselnder Begründung abgelehnt. Zuletzt u.a. mit Verweis darauf, das Konzepte zur Kriminalitätsbekämpfung bzw. entsprechende Echtdaten in der Vorstudie enthalten seien und die Sicherheit des Landes Brandenburg bei einer Offenlegung gefährdet sei. Auf unseren Widerspruch erging innerhalb der gesetzlichen Frist kein Bescheid.

Die aktuelle Situation

Der Softwarepflegevertrag zwischen unserer Firma und dem Land Brandenburg läuft fristgemäß zum 31. Dezember diesen Jahres aus. Aktuell bereitet sich die Polizei des Landes – mit einer für das Projekt Polygon niemals aufgewendeten Personalstärke – auf die Einführung des neuen Fallbearbeitungs-, Analyse- und Auswertungssystems vor.

Aktualisierung am 14.06.2013

Wir bedanken uns beim Zentraldienst der Polizei des Landes Brandenburg, der angeregt hatte zu prüfen, ob die Inhalte dieses Beitrags zuvor bereits öffentlich publiziert waren bzw. ob es sich ggf. um „interne Vorgänge und Abläufe handelt, die uns ausschließlich im Rahmen der bestehenden Vertragsbeziehungen (mit dem ZDPol) bekannt geworden“ sind. Diese Prüfung hatten wir bereits vor der Veröffentlichung des Beitrags vorgenommen, da uns sehr daran gelegen ist, keine geheimhaltungsbedürftigen Informationen bekannt zu machen. Wir greifen die Anregung jedoch gerne auf, um dort, wo auch Belange der Polizei des Landes Brandenburg berührt sein könnten, auf die öffentlich verfügbaren Quelle(n) hinzuweisen. Im Text steht jeweils eine Zahl in eckigen Klammern, die gleiche Zahl in der Liste am Ende des Beitrags verweist auf mindestens eine bzw mehrere öffentliche(n) Quelle(n) bzw. Fundstelle(n) für den jeweils genannten Sachverhalt.

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Quellen und Fundstellen

[1] siehe z.B. Jahresbericht 2009 der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Fachhochschule_der_Polizei_%28Brandenburg%29
Gesetz über die Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg:

[3] a) Jahresbericht 2011 des Landesrechnungshofs Brandenburg dort ab S. 144
b) Jahresbericht 2011 des Landesrechnungshofs Brandenburg dort ab S. 148

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