Das Polygon-Patent

Software kann man doch gar nicht patentieren„, haben Sie sicher schon häufig gehört. Das mag sein, betrifft Polygon allerdings gar nicht. Denn das Polygon-Patent ist kein Software-, sondern ein Verfahrenspatent. Es beschreibt das Verfahren, wie man die für Polygon charakteristische Speicherstruktur auf einer Datenbank aufbaut.

Entstehungsgeschichte

Das hier vorgestellte Patent wurde bei der Softwarefirma Genesys in Deutschland/München entwickelt und 1995 zum Patent angemeldet. Das deutsche und andere nationale Patente in Europa, sowie das US-Patent wurden 2001 erteilt. Das Patent beschreibt ein Verfahren zur Aufbereitung beliebiger textueller Information, so dass sie in einer Datenbank verarbeitet und ausgewertet werden können.

Das Polygon-Verfahren

Dabei wird Information in einem ersten Schritt zerlegt in Objekte, das sind Elemente, die stellvertretend stehen für konkrete oder abstrakte „Dinge“. Diese Objekte erhalten einen Namen und einen „Typ“, um gleichartige Objekte (wie Personen, Buchtitel, etc.) miteinander vergleichbar zu machen.

In einem zweiten Schritt kann man Einzelheiten zu solchen Objekten, wie z.B. Namensangaben oder beschreibende Merkmale, erfassen. Dazu werden „Pärchen“ gebildet, die jeweils aus einem Begriff bestehen und aus einem Kennzeichner für die Bedeutung dieses Begriffs (Kiefer:Familienname, Kiefer:Baum, 24.08.1996:Geburtsdatum, 28.08.2008: Unfalldatum, usw.). Diese Pärchen werden dem Objekt zugeordnet, das sie näher beschreiben oder identifizieren sollen. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass man jedem Objekt nur die „Merkmale“ zuordnet, die aktuell tatsächlich bekannt sind. Weder „muss“ man Angaben machen, die man aktuell nicht kennt, noch entsteht die Situation, dass vorhandene Merkmale nicht gespeichert werden können, weil entsprechende „Felder“ nicht vorhanden sind.

Objekte weisen meist Beziehungen zu anderen Objekten auf. Ein Buchtitel hat einen oder mehere Autoren, eine Person hat eine Adresse, arbeitet bei einer Firma, die liefert an einen Kunden usw. usw. Solche Beziehungen (Zusammenhänge) werden in einem dritten Schritt erfasst und gespeichert, indem man die beiden miteinander verbundenen Objekte (bzw. Verweise darauf) speichert, sowie eine Aussage, die die Art des Zusammenhang bzw. der Beziehung wiedergibt (z.B. „ist Autor von“, „wohnt“, „arbeitet bei“, „liefert an“ usw.).

Diese „Zerlegung“ von Information liefert ganz wenige Grundelemente, nämlich Objekte, Merkmale zur Beschreibung von Objekten und Beziehungen zwischen Objekten, sowie die „Links“ zwischen Merkmalen und Objekten bzw. Beziehungen. Und für jedes dieser wenigen Grundelemente stellt die Polygon-Datenbankstruktur genau einen eigenen Speicher (Tabelle o.ä.) zur Verfügung. Das war zum Zeitpunkt der Erfindung und Patentanmeldung das „revolutionär“ Neue an diesem Verfahren.

Verwandtschaften …

Einige Jahre nach der Patentanmeldung tauchten Informationssysteme auf, die mit ganz ähnlichen Speicherstrukturen aufwarteten, wie sie im Polygon-Patent beschrieben sind. Die Medizinische Fakultät der Yale-Universität beschrieb eine solche Speicherstruktur unter dem Namen „EAV/CR“ (Entity-Attribute-Value with Classes and relationships). Später bürgerte sich auch der Name „generisches Datenmodell“ dafür ein. EAV/CR-Speicherstrukturen bzw. das „generische Datenmodell“ sind inzwischen international weit verbreitet.

Unter den polizeilichen Informationssystemen in Deutschland weisen Crime, das „Fallbearbeitungssystem“ der IPCC-Kooperation und Inpol-Fall des BKA (, das nach Auskunft der Bundesregierung aus Crime hervorgegangen ist), eine sehr ähnliche Speicherstruktur auf. Unsere Anfrage beim IT-Direktor des BKA, wurde beschieden mit der Auskunft, dass Polygon und Inpol-Fall „sehr ähnliche Speicherstrukturen“ hätten, allerdings sei Inpol-Fall „keine Patentverletzung“ … Unsere entsprechende Anfrage beim Zentraldienst der Polizei des Landes Brandenburg, der gerade dabei ist, Crime in Brandenburg einzuführen, wurde bislang nicht beantwortet.

Patente

US 6.208.992 B1, EP 0855 062 B1, 596071181.7-08 (D), E 202 646 (A), 0 855 062 (CH), 0 855 062 (UK, NL)