Polizei und IT – Erlebnisse, Erkenntnisse und Ansichten eines zeitweiligen Insiders

26. April 2013 | Von | Kategorie: POLYGON-NEWS

Es gab einmal eine Zeit in Deutschland …

… da schienen Politik und Polizei ernsthaft daran interessiert zu sein, Menschenhandel und Rauschgiftkriminalität, Falschgeld und Autoschieberei, Korruption und Produktpiraterie wirksam und nachhaltig einzudämmen. Das war so um die „Wiedervereinigung“ und noch einige Jahre danach.

Die Drahtzieher hinter solchen illegalen Geschäfte“ sind gewiefte Geschäftsleute, die entschlossen sind, sich nicht erwischen zu lassen. Sie nutzen daher viele Firmen, beschäftigen zahlreiche „Mitarbeiter“ an diversen Orten, häufig auch über Ländergrenzen hinweg. Klassische kriminelle Organisationen, wie die Mafia / N’drangheta / Camorra machen vor, wie man sich abschottet gegenüber denen, die nicht dazugehören. Die Rocker haben davon genauso gelernt, wie Autoschieber, Menschenhändler und Rauschgiftdealer.

Für die Polizei ist es schwierig, solche „organisierte Kriminalität“ (=OK) zu ermitteln und zwar wegen der bewussten Abschottung, einem hohen Grad an Arbeitsteiligkeit, schwer durchschaubaren Verflechtungen von Firmen, Personen, ihrer Infrastruktur (Adressen, Fahrzeuge, Waffen etc.) und Arbeiten über Landes- und Ländergrenzen hinweg. Hinzu kommt, dass die Politik der Polizei inzwischen andere Schwerpunkte vorgegeben hat, so dass die Bekämpfung von OK nicht mehr oberste Priorität geniesst.

Was wir damit zu tun haben ..?

Anfang der neunziger Jahre war unsere Firma Genesys, ein mittelständisches Softwareunternehmen schon seit mehr als zehn Jahren auf dem Markt: Wir arbeiteten für große Behörden und Institutionen und entwickelten Informationssysteme für komplexe Recherche-, Dokumentations- und Untersuchungsaufgaben. Zuletzt hatten wir im Deutschen Bundestag das Informationssystem für den Schalck-Golodkowski-Untersuchungsausschuss entwickelt und mit aufgebaut.

Deutsche Aufbauhilfe für die Polizei in ehemaligen Ostblock-Ländern

In dieser Zeit, kurz nach Ende des kalten Krieges, leistete Deutschland „Aufbauhilfe“ in Ländern des ehemaligen Ostblocks. Das Programm hieß „polizeiliche Ausstattungshilfe“ und kümmerte sich um den Aufbau moderner Infrastruktur für Polizeiorganisationen, z.B. in Ungarn, der Slowakei und der Ukraine.
1993 schrieb das Bundesinnenministerium landesweite Informationssysteme aus [solche Ausschreibungen waren damals noch die Regel!] für die Kriminalpolizeibehörden in Ungarn und der Slowakei. Gemeinsam mit Siemens konnten wir diese Vergabewettbewerbe gewinnen; Genesys war damit verantwortlich für die Software zur fachlichen Unterstützung der kriminalpolizeilichen Ermittlung, Analyse und Auswertung.

Es stellte sich bald heraus, dass Datenbanksysteme, wie man sie damals „programmierte“ nicht leistungsfähig genug waren, um die komplexen Verflechtungen zu erfassen, darzustellen und auszuwerten, wie sie sich im OK-Umfeld präsentierten. Gleichzeitig lernten wir von den Fachleuten in den Polizeibehörden dieser Länder enorm viel über die fachlichen Anforderungen in der Kriminalpolizei. Die Folge war, dass unser Produkt anders und besser werden musste, um deren Anforderungen zu erfüllen. Die folgenden Monate bescherten uns und allen beteiligten Projektpartnern eine Reihe von spannenden Momenten: Immer wieder standen die Fragen im Raum: Schaffen wir’s oder nicht?! und: Kommt dabei etwas raus, das die bestehenden Probleme löst?

Polygon als polizeiliches Informationssystem

Das Ergebnis war Polygon, von außen betrachtet eine Datenbank, wie viele andere auch, jedoch ohne die bisherigen Beschränkungen, dass man vorher festlegen muss, welche (Art von) Informationen und Beziehungen später gespeichert werden sollen. Für die besondere Art, mit Informationen umzugehen, haben wir 1995 ein Patent angemeldet (das seit 2001 auch in diversen Ländern erteilt ist). Im Mittelpunkt unseres Interesses stand allerdings die Entwicklung weiterer Software, um Kriminalpolizisten bei ihren Ermittlungen von organisierter und Wirtschaftskriminalität und Korruption zu unterstützen.

Was die Anwender besonders „liebten“ war PIOS, ein Programm, das automatisch Strukturen aufzeichnet, indem es Personen, Firmen, Adressen, usw. durch beschriftete Symbole darstellt und Verbindungen zwischen diesen Objekten durch Pfeile anzeigt, auf denen angetragen ist, um welche Art von Beziehung es sich handelt (z.B. „ist Geschäftsführer“, „Fahrer von“, „Adresse von“ usw.)
1996 entschied sich dann Brandenburg als erstes Bundesland für Polygon, 1999 hatten dann auch Hessen und Sachsen, sowie Behörden in Baden-Württemberg Pilotsysteme geordert.

Wirtschaftskrimi beim BND

Überhaupt war es seit 1996 steil bergauf gegangen mit dem Interesse an Polygon: Es war „gesetzt“ als Basistechnologie in Forschungs- und Entwicklungsprojekten, die von der Europäischen Kommission gefördert wurden und sollte die Datenbank im Kern des zukünftigen gemeinsamen polizeilichen Informationssystems der EU-Staaten bzw. bei Europol werden. Teilnehmer an diesen Projekten waren große Polizeibehörden aus verschiedenen Ländern, darunter auch das Bundeskriminalamt (BKA) und ein „Amt für Auslandsfragen“. Das entpuppte sich später als eine Organisation des Bundesnachrichtendiensts (BND) und wurde vertreten von einem hochrangigen BND-Mitarbeiter.

1999 stand die Ausschreibung für ein wichtiges Europol-Informationssystem kurz bevor. Polygon war / wurde dafür allerdings – unerwarteter Weise – nicht berücksichtigt. Anscheinend waren wir und unsere Gegenspieler unterschiedlicher Ansicht über grundsätzliche kaufmännische Fragen … Wir hingen der Meinung an, dass unsere Produkte gegen entsprechendes Entgelt gekauft werden können. Unsere Gegenspieler hielten es dagegen eher mit dem Konzept „ein toter Eigentümer kann keine Rechnung mehr stellen“ und handelten entsprechend. Da man das Produkt – also Polygon – allerdings haben wollte, wurde eine „Auffanggesellschaft“ gegründet und Genesys-Mitarbeiter bewogen, sich doch dort weiter zu betätigen. Mit der Frage, inwieweit Polygon zur Anfangsausstattung dieser Firma gehörte, beschäftigte sich wenig später ausführlich die Staatsanwaltschaft: Denn ich hatte einen Anruf von einem Kunden erhalten, der berichtete, dass „die ein Ablöseprodukt mit voller Funktionalität von Polygon anbieten.“
Wir waren beide beeindruckt, wie schnell man so etwas von Grund auf neu entwickeln kann. Er ließ die Finger vom Einkauf und ich habe Strafanzeige erstattet …
Glücklicher Weise war der Versuch, die Firma Genesys in die ewigen Jagdgründe zu befördern, letztlich doch nicht von Erfolg gekrönt und wir persönlich nicht vollkommen erledigt.

Dieses Ganovenstück brachte dem Vertreter des „Amts für Auslandsfragen“ einen Strafbefehl ein wegen Urkundenfälschung und versuchten Betruges, dem BND eine Menge unrühmlicher Presse – Wirtschaftskrimi beim BND titelte z.B. der Focus – die Bundesregierung hatte eine Reihe von peinlichen Anfragen im Bundestag zu beantworten und die EU-Kommission ebensolche im Europäischen Parlament. Die Presse zeigte sich, damals wie heute, nur begrenzt interessiert an einem „so komplexen“ Thema. Eine Petition zu diesem Thema wird seit 2006 im Deutschen Bundestag behandelt; dass es noch kein Ergebnis gibt, muss man verstehen: Wer fasst schon gerne solch brandheiße Themen an! Und im Übrigen gehen Bundesregierung und beteiligte Behörden auf Tauchstation, wenn das Thema doch mal wieder aufs Tapet kommt. Totschweigen, aussitzen, Zeit gewinnen! heißt wohl die Devise.

Das Gute an diesen Erfahrungen?! Ich habe viele Illusionen über Bord geworfen über „den Rechtsstaat“ und reichlich Erkenntnisse gewonnen, wie Politik, Behörden(leitungen) und Justiz so agieren …

Polygon heute

Trotz des massiven „Anschlags“, war das Kalkül unserer Gegenspieler nicht aufgegangen:
Das Patent wurde 2001 erteilt (in D, A, CH, NK, UK und US), und ist rechtsbeständig. In der Zwischenzeit wird das, was im Polygon-Patent beschrieben ist, in anderen Informationssystemen benutzt, weit über den polizeilichen Einsatz hinaus. Es hat sich dafür die Bezeichnung EAV/CR-Datenmodell eingebürgert. Die polizeilichen Informationssysteme Inpol-Fall (des BKA) und Crime (des IPCC-Verbunds) – nutzen „sehr ähnliche“ Datenmodelle, doch handelt es sich, wie mir der IT-Direktor des BKA versicherte, „nicht um eine Patentverletzung“ …

Polygon als polizeiliches Informationssystem lebt und wird ständig weiter entwickelt. Es ist in Brandenburg das landesweite Informationssystem für die Kriminalpolizei und hat inzwischen umfassende Fähigkeiten erhalten, um Informationen an andere polizeiliche Informationssysteme weiterzugeben bzw. mit diesen auszutauschen. Dazu gehören insbesondere Verbundanwendungen des BKA, aber auch der Informationsaustausch mit den Fallbearbeitungssystemen in anderen Bundesländern und beim BKA.

Neue Prioritäten in der Politik der Inneren Sicherheit

Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben sich die Konzepte und Ziele in der Politik der Inneren Sicherheit erheblich verändert. Organisierte Kriminalität, Korruption, Steuerstraftaten oder Wirtschaftsdelikte haben allenfalls noch geringe Priorität.

Polizei beschränkt sich im Wesentlichen darauf, schon begangene Straftaten zu verwalten. Sie können das selbst erkennen am dem Eifer, mit dem Politiker und Polizeiführer aus Bund und Ländern in jedem Frühjahr neu ihre Erfolgsstatistiken präsentieren. Diese Zahlen sind wichtig: Sie geben die Zahl der der Polizei „bekanntgewordenen„, also angezeigten Straftaten wieder und die Quote der aufgeklärten Straftaten. Sie sagen allerdings nichts über das Dunkelfeld, also die Zahl der nicht der Polizei „bekanntgewordenen“ Straftaten.

Gleichzeitig beklagen Bürger quer durch die Republik, von Aachen bis Frankfurt/Oder, dass in ihre Wohnungen und Häuser eingebrochen wird, ihre Autos geklaut oder in Teile zerlegt werden, ohne dass Polizei dies verhindert oder die Täter dingfest gemacht hätte. Diverse Zeitungsartikel berichten, dass Betroffene in Brandenburg es für vergebliche Mühe halten, nach dem Schaden auch noch Aufwand für eine Anzeige zu investieren. Das wiederum hat durchaus positive Effekten auf die polizeiliche Erfolgsstatistik, denn es wird der Polizei dann ja weniger „bekannt“ …

Für komplexe Ermittlungen im Bereich der Wirtschafts- und Steuerkriminalität fehlt es bei Polizei, Staatsanwaltschaften und Finanzämtern an dreierlei: An qualifizierten Mitarbeitern, an Kompetenzen und an Methoden und Werkzeugen. Einschlägige Kriminelle können daher relativ ruhig schlafen. Der Staatskasse gehen dadurch jährlich dreistellige Milliardenbeträge verloren – allein an Steuern und Abgaben – doch anstatt die Ursachen anzugehen, erklärt man, der Staat müsse sparen: Also hat man nicht nur zu wenig Geld für Erzieher und Lehrer, es gibt auch viel zu wenig Steuerprüfen und man reduziert auch weiter das Personal in der Polizei …

Das große Missverständnis zwischen Bürgern und Politik über „Innere Sicherheit“

Hören Sie bitte genau hin, wenn Politiker über „Innere Sicherheit“ sprechen. Sie werden feststellen, dass es dabei um die Abwehr von Gefahren geht für die öffentliche (!) Sicherheit und Ordnung. Die meisten Bürger und Journalisten nehmen allerdings ganz selbstverständlich an, dass Polizei dazu da sei, die persönliche Unversehrtheit und das private Eigentum von Einwohnern und Unternehmen in diesem Lande zu schützen. Politiker und höhere Polizeiführer wissen es besser, halten aber wohlweislich keine öffentlichen Vorträge, um das Missverständnis aufzuklären. Und welcher Bürger oder Journalist macht sich schon die Mühe, Polizei(aufgaben)gesetze von 16 Bundesländern, dem BKA und der Bundespolizei zu lesen?! Er würde feststellen, dass im Grunde genommen in allen Polizeigesetzen das Gleiche steht: „Die Polizei hat die Aufgabe, Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung abzuwehren (Gefahrenabwehr).“ Und so kommt es dann, dass der polizeiliche Staatsschutz in allen Polizeibehörden dieses Landes oberste Priorität genießt.

Natürlich haben die Anschläge vom 11. September 2001 dazu beigetragen, dass Politik und Polizei „strategisch“ fokussiert waren auf den „Kampf gegen den Terror“. Zehn Tötungsdelikte in wenigen Jahren gegen Bürger dieses Landes landeten allerdings gar nicht beim Staatsschutz. Lag es daran, dass die „öffentliche Sicherheit“ einen höheren Schutz genießt, als das Leben von zehn Menschen – zumal, wenn Bewohner dieses Landes betroffen sind von türkischer oder griechischer Herkunft?! Oder lag es einfach „nur“ an der mangelnden Leistungsfähigkeit der eingesetzten Informationstechnik der Polizei, die einen wirksamen Datenaustausch über Ländergrenzen hinweg und zwischen BKA und Ländern nicht erlaubte, sodass Zusammenhänge nicht erkannt wurden?! Wenn „nur“ letzteres der Fall ist: Warum hat sich daran nichts geändert und verbessert in den sechs Jahre nach den letzten Morden, die dem NSU zugeschrieben werden?!

Polizei – Prügelknabe und Prellbock …

Um fair zu bleiben, gegenüber PolizistInnen und Polizisten: Sie werden zum Prügelknaben gemacht für die Politik der Inneren Sicherheit. Die hält die Öffentlichkeit gerne im falschen Glauben, dass Polizei zuständig sei für den Schutz von Bürgern und privatem Eigentum – wohl wissend, dass die gesetzlichen Aufgaben ganz andere sind. Doch darüber wird öffentlich geschwiegen. Beim Kampf gegen Eigentumskriminalität, OK (z.B. Rocker) oder Rechtsextreme läßt Politik die Polizei weitgehend im Regen stehen.

… Polizei – Opfer ständiger „Strukturreformen“

Darüber hinaus ist Polizei selbst zum Opfer geworden, nämlich dem der alle paar Jahre stattfindenden „Strukturreformen„. Es bringt keinen Nutzen, jedenfalls nicht für die Organisation bzw. ihre Kunden (das sind wir Bürger und Unternehmen), wenn man funktionierende polizeiliche Organisationsstrukturen in regelmäßigen Zeitabständen zerschlägt, aufgebaute fachliche Kompetenzen in alle Winde zerstreut, die Motivation von mindestens 80% der Mitarbeiter aller Polizeibehörden in diesem Lande längst zermürbt hat und unter ‚Führung‘ versteht, dass Mitarbeiter mit diversen, vor allem administrativen Nutzen dienenden ‚Zugleichaufgaben‘ eingedeckt werden, was vor allem bewirkt, dass sie nicht mehr zum Denken kommen. Wer dennoch wagt, eine eigene Meinung zu äußern, wird eingeschüchtert. Wer dann noch aufmuckt, wird beruflich kaltstellt.
Genau das kann jeden der rund 240.000 Mitarbeiter von Polizei in diesem Land betreffen – und muss also einen Nutzen haben. Die Frage, wem das nützt, ist bisher allerdings – jedenfalls öffentlich – noch nicht einmal gestellt worden.

… Polizei – loyal bis zur Selbstverleugnung …

Wehrt sich „die Polizei“ gegen diese Behandlung?! Nach unserer Beobachtung: Nein!
Es wird viel geredet im internen Zirkel, nach außen dringt allerdings nichts. Omerta!, wie bei der Mafia!

Angst scheint das vorherrschende Motiv zu sein: Angst vor disziplinarischen Maßnahmen, Angst vor Gehaltseinbußen, Angst vor schlechter Beurteilung, Angst vor Verlust der Zugehörigkeit zum inneren Sozialverband. Mit dieser Angst funktioniert Führung – bestens – in der deutschen Polizei und der ‚Staatsbürger in Uniform‘ wagt allenfalls dann seine Meinung zu äußern, wenn er die Uniform ausgezogen hat und auch sicher niemand zuhört, der ihn oder sie in die Pfanne hauen könnte.

Bürgerrechtler und Journalisten: Blind, wenn es um Polizei geht …

Dass „Polizei“ vor unser aller Augen demontiert und umfunktioniert wird, nehmen die so genannten ‚Bürgerrechtler‘ und viele Journalisten überhaupt nicht zur Kenntnis. Ganz im Gegenteil, haben bestimmte Kreisen (auch Politiker!), die sich sonst vehement einsetzen für Demokratie, Gleichberechtigung und Transparenz, einen blinden Fleck, bei allem, was das Wort „Polizei“ im Namen führt. Polizei, so scheint es, ist für sie per se repressiv, häufig gewalttätig und im Übrigen willfähriges Werkzeug einer antidemokratischen Politik.

Dass es schwer nachvollziehbare Gewaltexzesse bei der Polizei gibt, dass dann häufig Vertuschung, statt Aufklärung betrieben wird, ist unbestritten. Man sollte allerdings die Relation wahren – z.B. zur Gesamtzahl der aktiven Polizeibeamten oder der Einsätze pro Tag. Wir sind von solchen Vorurteilen nicht ausgenommen. Allein die Tatsache, dass wir ein „polizeiliches Informationssystem“ entwickelt haben und „für die Polizei arbeiten“, genügt für viele Ansprechpartner schon, um uns, ohne weitere Überlegung, als „einen von denen“ zu stigmatisieren.

Polizeiliche Informationstechnik seit 2000 – ein Desaster

Mit polizeilicher Informationstechnik (IT) beschäftigen wir uns nun seit mehr zwanzig Jahren. In diese Zeit fiel das Inpol-Neu-Desaster: „Inpol-Neu“ sollte ein IT-Verbund für den Datenaustausch werden zwischen den Polizeibehörden der Länder und des Bundes. Nach vielen Jahren aufwändiger Abstimmungen zwischen Bund und Ländern und nachdem hohe zweistellige Millionenbeträge ausgegeben waren, scheiterte das Projekt geradezu krachend. Ein weißer Ritter wurde gefunden und zum neuen IT-Direktor des BKA gemacht, der einige IT-Produkte im Gepäck hatte. Dank meisterlicher PR-Arbeit (oder völlig fehlenden Interesses der Presse) gelang es dem Bundesinnenministerium und BKA, das Mega-Desaster zu überspielen, Inpol-Neu-Neu zu implementieren und als „Inpol-Neu“ zu verkaufen. Dass dabei wesentliche Ziele der ursprünglichen Inpol-Planung aufgegeben wurden, dass insbesondere der Informationsaustausch über Straftaten von überregionaler Relevanz (im Polizeideutsch zusammengefasst als „KPMD“ kriminalpolizeilicher Meldedienst) völlig auf der Strecke blieb, wurde in Kauf genommen. Warum die Länder dies so klaglos hinnehmen, ist eine spannende Frage: Auch sie wurde bisher weder gestellt, noch beantwortet: Denn eigentlich sind es doch die Polizeibeamten der Länder, die am meisten unter diesem Manko leiden, weil sie die gleichen Informationen x-fach in verschiedenen Systemen eingeben und abfragen „dürfen“.

Unter den Folgen dieses Fiaskos leidet die IT der bundesdeutschen Polizei bis heute. Leider jedoch nicht nur diese: Dass Zusammenhänge zwischen Straftaten nicht erkannt werden, wie im „Fall“ NSU, könnte nicht passieren, wenn die eingesetzte polizeiliche Informationstechnik nicht – bis heute – so gut wie gar nicht, darauf ausgerichtet wäre, solch relevante Informationen über Länder- und Deliktsgrenzen hinaus auszutauschen und Zusammenhänge zu erkennen.

Was leistet polizeiliche IT tatsächlich?

Was polizeiliche IT tatsächlich leistet – bzw. eben nicht – können die am besten beurteilen, die täglich damit arbeiten, Polizisten also: Die sind häufig nur noch genervt von den IT-Systemen, die ihnen ihre Behörde zur Verfügung stellt. Fachliche Unterstützung, vor allem für Spezialisten in der Kriminalpolizei, ist weitgehend Fehlanzeige. Einmalerfassung und -abfrage steht seit Jahrzehnten als Anforderung auf dem Papier. Die tägliche Praxis verlangt das Gegenteil: Ein- und dieselbe Information muss händisch mehrfach eingetippt oder abgefragt werden in den verschiedenen Systemen. Denn auf Schnittstellen, also Übergänge für den Informationsaustausch zwischen verschiedenen Bundes- und Ländersystemen, wurde allenfalls am Rande geachtet. So fühlen sich dann viele Polizisten gestresst von der Mehrarbeit und sind grenzenlos frustriert, weil auf ihre fachlichen Anforderungen keine Rücksicht genommen wird.

Politiker könnten es besser wissen. Immerhin entscheiden sie mit über die dreistelligen Millionenbeträge, die allein in den letzten Jahren für polizeiliche IT in der Bundesrepublik ausgegeben worden sind. Politiker verstehen in der Regel nichts von Technik. Akzeptiert! Richtig so! Das muss ein Politiker auch nicht! Doch wer über Beträge in diesen Größenordnungen mit-entscheidet, sollte kontrollieren können und wollen (!), ob auch tatsächlich umgesetzt wurde, was eingekauft und gewollt war. An beidem fehlt es derzeit.

Eine Prognose

Ohne den Willen und die Fähigkeit zur wirksamen Kontrolle wird alles so weitergehen, wie in den letzten zwanzig Jahren: Weitere zig Millionen werden aufgewendet werden, um einen IT-Staat im Staate zu finanzieren, der läuft und läuft und läuft und letztlich nichts zu Wege bringt, was in Verhältnis stünde zu dem Aufwand an Geld und Personal: Hier eine Anti-Terror-Datei, dort eine Datenbank gegen Rechtsextremismus, Gemeinsame Dateien, Verbunddateien, … Informations-, Analyse-, Ermittlungsverbünde – viele wohlklingende Wörter für eine IT-Landschaft, die so viele Inseln aufweist, wie die Schären vor Stockholm. „Fährverbindungen“, also Möglichkeiten zum Datenaustausch zwischen den Inseln, sind in der Regel Fehlanzeige. Und mit jedem Anschlag oder aufgeflogenem “Trio” werden weitere Inseln geschaffen und greift der Aktionismus weiter um sich!

Wieso das auch SIE betrifft …

Das zentrale Thema auf dieser Seite – Polizei und IT, Bürger, Recht, Staat – schafft für jeden von uns Berührungspunkte, egal ob er/sie Polizist ist, Zeuge oder Geschädigter in einem Strafverfahren, Rechtsanwalt, Staatsanwalt oder Richter, Journalist oder Politiker. Denn wie bei vielem, das Polizeiarbeit betrifft, dringt kaum etwas nach außen. Man fragt sich jedoch:

  • Was macht Polizei im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens – tatsächlich – und was sollte sie machen?
  • Was kann man – als Betroffener – erwarten von einer polizeilichen Ermittlung und den entsprechenden Ergebnissen?
  • Was darf Polizei in ihren IT-Systeme speichern und was speichert sie tatsächlich?
  • An wen werden die eigenen Daten weitergegeben? Im Inland? Im Ausland?
  • Und wie kann man erfahren, was Polizei über einen gespeichert hat?

Diese Webseite …

Soll zu diesen Fragen und Themen eine wichtige Plattform werden.
Und gerade weil wir das System der polizeilichen IT über viele Jahre von innen kennengelernt haben, gibt es dazu einiges zu sagen.
Unsere Kritiker können wir an dieser Stelle beruhigen. Irgendwelche „Interna“ oder „Geheimnisse“ werden wir sicher nicht weitergeben, so leicht wollten wir es Ihnen nicht machen.

Wir wollen dazu mehrmals wöchentlich neue Beiträge liefern. Dabei soll das objektive Informieren im Vordergrund stehen. Wo „unser“ Produkt, also Polygon berührt ist, ist dies deutlich zu erkennen. Und eigene Meinung, ggf. auch in humoristischer Form, werden wir beitragen, wo wir dies für notwendig halten.
Wir haben polizeiliche Informationssysteme nicht als Kunst um der Kunst willen entwickelt. Polizeiliche IT hat, genauso wie Polizei und Politik selbst, der Gesellschaft zu nützen. Daher kann sie nicht isoliert behandelt werden von Gesellschaft, Recht und Gesetzgebung. Wir hoffen, dass diese Webseite Leser gewinnt, die eigene Einstellungen und Haltungen zu diesen Themen mitbringen, zum Über-Denken bereit sind und Motivation und Engagement aufbringen, sich an der längst überfälligen Kommunikation aller beteiligten gesellschaftlichen Gruppen zu diesen Themen fair und konstruktiv zu beteiligen. Teilen Sie uns mit, was SIE darüber denken und zu sagen haben!

Mit wem Sie es hier zu tun haben?

48_komp Mein Name ist Annette Brückner, ich bin Initiatorin und Autorin von vielen Beiträge auf dieser Seite. Mit Informationssystemen für Polizeibehörden habe ich seit rund zwanzig Jahren zu tun, sowohl als Entwicklerin, als auch als Projektleiterin. Wenn Sie mehr über mich / uns wissen möchten, klicken Sie bitte hier.

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