Polizeiliche Ausstattungshilfe und die Entwicklung von Polygon

Bei der so genannten „polizeilichen Ausstattungshilfe„, handelte es sich um ein langjähriges Programm, mit dem die Bundesrepublik Deutschland kooperierenden ausländischen Staaten Hilfe beim Aufbau der innerstaatlichen personellen und technischen Infrastruktur für Sicherheitsbehörden zukommen ließ. In der Phase nach Ende des Kalten Krieges war man mit Ländern des ehemaligen Ostblocks, wie Tschechien, der Slowakei, der Ukraine oder Ungarn in Verhandlung über den Aufbau von landesweiten Informationssystemen für die Kriminalpolizei in den jeweiligen Ländern. Deutschland war interessiert daran, diese Länder mit modernem und funktionsfähigen Informationssystemen auszustatten. Damit sollte erreicht werden, dass Kriminalität – insbesondere organisierte und Wirtschaftskriminalität – dort auch bekämpft werden konnte, wo sie entsteht oder ihr Durchzugsgebiet hat. Dies war der Hintergrund, warum sich Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums (BMI) für das „KoKo“-System interessierten, es handelte sich um eine Art Marktsichtung.

Beschaffungsprojekte des Bundesministerium des Innern

Wie damals noch allgemein üblich, kam es danach zu Ausschreibungen durch das Beschaffungsamt des BMI. Bei den Anforderungen hatten natürlich auch die begünstigten ausländischen Staaten ein erhebliches Wort mitzureden. So entstanden Anforderungsdokumente, die nach Kilogramm zu bemessen waren und für deren Beantwortung unser Bürohaus über mehrere Wochen in ein kleines Heerlager verwandelt wurde von Mitarbeitern von Siemens aus Ungarn, aus Deutschland, Dolmetscher und natürlich unsere eigenen Mitarbeiter. Der Einsatz lohnte sich: Denn zusammen mit Siemens gewannen wir die Ausschreibung für Ungarn und kurz darauf auch die für das Landessystem in der Slowakei.

Das Jahr war weit fortgeschritten, als die entsprechenden Verträge endlich ausgefertigt waren. Für die Lieferung und Installation der Hardware, Einrichtung der Software und alles, was damit zu tun hatte, blieben eigentlich nur noch Tage vor der unumstößlichen Deadline in öffentlichen Projekten: Dem Haushaltskassenschluss!

Es brauchte das nächste Jahr, um sich mit dem eigentlichen Kunden, der Kriminalpolizei in Ungarn bzw. der Slowakei bekannt zu machen, miteinander ‚warm‘ zu werden und allmählich Vertrauen aufzubauen und die Kultur des Geschäftspartners kennenzulernen. Die Slowakei hatte ihren eigenen Schock zu verdauen, die Trennung von Tschechien lag gerade erst wenige Monate zurück. In Ungarn dagegen hatte man feste Vorstellungen, was ein Analyse- und Auswertungssystem für die verschiedenen Abteilungen der Kriminalpolizei zu leisten hatte: Das neue System sollte für Bedürfnisse bei der Ermittlung und Auswertung von Delikten der organisierten Kriminalität mit ihren verborgenen Verflechtungen genauso taugen, wie für ein komplexes Kapitalverbrechen, also einen Mord, eine Entführung oder ähnliches. Unsere Hoffnung, mit einem modifzierten „Schalck-Golodkowski-System“ reüssieren zu können, löste sich in Wohlgefallen auf …

Die Mängel des damaligen „Stands der Technik“

Wesentliches Manko war der damalige Stand der Technik bei der Entwicklung von Datenbanksystemen, nämlich die bedarfsspezifische Modellierung einer ganz individuellen Datenbank(tabellen)-Struktur. Es musste ein neuer, flexiblerer Ansatz her, einer der weitaus weniger Entwicklungsaufwand erforderte und gleichzeitig für den Nutzer wesentlich mehr Flexibilität versprach.

Die Entwicklung von POLYGON

Aus dieser Notwendigkeit entstand POLYGON, das eine abstrakte, für alle Zwecke verwendbare Datenbank(tabellen-)struktur mitbringt und wo die spezifische „Modellierung“ nicht mehr durch Anpassung von Tabellen und Spalten geschieht, sondern durch entsprechende Definition von Objekttypen, Attributtypen oder Beziehungstypen. Damit wird die aufgaben- bzw. kundenspezifische Modellierung einer Datenbank überflüssig, die Entwicklungszeit reduziert sich auf einen Bruchteil des bisher benötigten, entsprechend natürlich auch die Kosten und das System steht insgesamt wesentlich schneller zur Verfügung.

Natürlich war immens viel zu tun mit der Entwicklung einer völlig neuen Technologie auf Ebene der Datenbank und gleichzeitiger Entwicklung der dafür nötigen Anwendungssoftware. Sie umfasste eine generell verwendbare Zugriffsbibliothek, damit die „Software“, mit der der Anwender arbeitet, überhaupt auf die Datenbank zugreifen kann, Import- und Export-Programme, um vorhandene Daten aus anderen Systemen ins System bringen zu können oder Informationen aus einem POLYGON-System an andere Informationssysteme ausgeben zu können und als größten „Brocken“ der Entwicklung – eine seinerzeit revolutionär neuartige Software (PIOS), die jedes Objekt der Datenbank als benanntes grafisches Symbol darstellt und Beziehungen zwischen Objekten als gerichtete und benannte Pfeile zwischen den Objekten.

Diese Software ließ sich verwenden, um Informationen „einzugeben“, indem man sie einfach „zeichnete“ und zeigt alle vorhandenen Beziehungen bei einer Auswertung, ohne dass man zuvor fragen muss, was man grafisch gezeigt bekommen möchte. Daneben bietet diese Software die Möglichkeit, „multimediale“ Dokumente zu integrieren, da in der Polizeiarbeit zwingend das „Dokumentationsprinzip“ herrscht, d.h. für jede Information auch ein Beleg vorhanden sein muss.

Zug um Zug mit Fertigstellung der entsprechenden Datenbank- und Software-Komponenten wurden diese in den Projekten in der Slowakei und in Ungarn eingesetzt und ersetzten damit die ursprünglich gelieferte, abgenommene und bezahlte Lösung.

Patente für die POLYGON-Datenbanktechnologie

Die oben beschriebene Datenbanktechnologie wurde zum Patent angemeldet. Das (internationale) PCT-Patent und daraus abgeleitete, nationale Patente sind seit dem Jahr 2001 erteilt und rechtsbeständig.

Status im Jahr 1996

Anfang des Jahres 1996 kehrte bei Genesys wieder etwas Ruhe ein. Die Projekte in Ungarn und der Slowakei waren im Echtbetrieb eingeführt, es gab Pflege-, Betreuungs- und Weiterentwicklungsaufträge des Bundesinnenministeriums. Siemens war inzwischen aus diesen Projekten ausgeschieden, die entsprechenden Verträge direkt zwischen Genesys und dem Beschaffungsamt des BMI abgeschlossen worden. Für die Ukraine war ein mit den beiden anderen vergleichbares, jedoch in Anzahl der Server und Workstations nicht so umfangreiches System hinzugekommen. Im übrigen war Genesys im In- und Ausland, vor allem bei Polizeibehörden, aktiv, um weitere POLYGON-Systeme zu verkaufen.

Und während es in den Jahren 1994 und 1995 vor allem um sichere Einführung und Aufrechterhaltung des Echtbetriebs bei den Kundenprojekten gegangen war, kam nun auch wieder verstärkt die Weiterentwicklung zum Zug.So sah zumindest die Planung aus.

Dass wir kurze Zeit später Objekt eines Wirtschaftskrimis der besonderen Art werden würden, wie es ihn in der Bundesrepublik nur äußerst selten gegeben hat, ahnte damals noch keiner …