Mobilitätskontrolle durch Fahrzeughersteller

Your Car is Watching You …

2. Juni 2016 | Von | Kategorie: AUS DEM CIVES-BLOG

Haben Sie öfters mal abrupt gebremst und sind in den Gurt gedrückt worden? Den Motor hochgejubelt, weil’s so schön klingt? Häufig ’ne CD gewechselt während der Fahrt?
Das und viele andere Informationen sammelt Ihr modernes Auto über Sie. Und schickt die Daten – ohne dass Sie zuvor gefragt worden wären – weiter an ‚his masters‘ voice‘, den Hersteller. Berichtete gestern der ADAC über eine von ihm durchgeführte Untersuchung [1]:

Untersuchung des ADAC: Wie Ihr Auto Sie überwacht …

Testkandidaten der ADAC-Untersuchung waren eine Mercedes B-Klasse, ein Renault Zoe, sowie ein BMW 320D und ein BMWi3. Was diese Fahrzeuge über das Fahrverhalten der Fahrer und über das Nutzungsprofil der Fahrzeuge erheben und großteils automatisch, in regelmäßigen, kurzen Abständen an den Hersteller senden, ist geradezu unglaublich. Und auch wenn jeder Hersteller da sein eigenes Ding macht, lassen sich doch Übereinstimmungen darüber feststellen, was die Hersteller wissen wollen:

Da wäre erstens das Fahrverhalten:

  • wie oft und bei welchen Kilometerstand wird eine Höchstdrehzahl erreicht?
  • Wie oft spricht der Elektromotor der Gurtstraffung an, was für einen abrupten Bremsvorgang spricht?
  • Wie oft und wie lange sind die verschiedenen Modi jedes Automatikgetriebes (z.B. Sport / Eco / Comfort) genutzt worden?

Weiter geht es mit dem Nutzungsprofil des Fahrzeugs

  • Wieviele Kilometer wurden auf Autobahnen gefahren, wieviele auf Landstraßen oder in der Stadt bzw. (bei einem anderen Hersteller) die Anzahl der Einzelfahrten mit einer Länge von bis zu 5 km, bis zu 20 km oder 100 km und mehr?
  • wie lange sind die einzelnen Lichtquellen [?!?!] des Fahrzeugs in Betrieb?
  • Wie oft wird elektrisch der Fahrersitz verstellt (erlaubt Rückschlüsse auf die Anzahl der Fahrer)
  • Wie oft wird im CD Laufwerk ein neues Medium eingelegt?

Und dann entpuppt sich das geliebte eigene Auto noch als perfektes Werkzeug für die Mobilitätskontrolle des Fahrers:
Bei Mercedes werden im Fahrbetrieb etwa alle zwei Minuten die GPS-Position des Fahrzeugs, sowie Kilometerstand, Verbrauch Tankfüllung, u.v.m. an den Hersteller übertragen.
Ähnlich sieht es aus bei Renault, wenn auch „nur“ ca. alle 30 Minuten, dafür werden hier auch noch die Fahrzeugidentifikationsnummer und diverse andere Seriennummern, sowie Datum und Uhrzeit mit übertragen.

Aktiver Eingriff in die Fahrzeugnutzung

Renault geht sogar noch einen Schritt weiter, und könnte, etwa im Falle von nicht bezahlten Leasingsrechnungen, das Laden der Antriebsbatterie auf dem Funkweg unterbinden und damit das Fahrzeug faktisch stilllegen.

„Es muss uns interessieren, was gespeichert wird“ …

sagt Padeluun vom Datenschutzverein Digitalcourage e.V. in einem Gespräch mit ‚Notizbuch‘ im Radiosender Bayern2 [2]. Und macht deutlich, dass das vom Bundesverfassungsgericht bestätigte Recht auf informationelle Selbstbestimmung verlangt, dass wir zumindest vorher gefragt werden, bevor jemand Daten über uns speichert. Und das gilt auch für Mercedes, BMW oder andere Hersteller, deren Autos wir kaufen und nutzen.

Die Praxis sieht allerdings anders aus: Denn im Vertrag für den Kauf eines neuen Fahrzeugs oder in einem Leasingvertrag findet sich (außer in Grenzen bei Renault) kein Hinweis darauf, wie umfassend der Hersteller Daten speichern wird. Das, sagt Padeluun, sei nicht rechtens: Der Käufer/Leasingnehmer müsse die Möglichkeit haben, ausdrücklich sein Nicht-Einverständnis mit dieser Datenspeicherung zu erklären und dennoch ein Fahrzeug geliefert bzw. verleast zu bekommen.

Was kann man als einzelner tun?

Fragen und nicht locker lassen! Also in einem ersten Schritt Brief, Fax oder E-Mail senden an den Hersteller oder dessen Leasingfirma und um Auskunft bitten,

  • welche Informationen das eigene Fahrzeug erhebt,
  • wie oft und wo diese Informationen „im“ Fahrzeug gespeichert werden,
  • ob und in welchen Abständen sie an wen übertragen werden
  • wer bei welchen Gelegenheiten (Werkstattaufenthalte etc.) die Möglichkeit hat, welche Daten auszulesen (siehe eigene Grafik im ADAC-Untersuchungsbericht
  • und welche Möglichkeiten es, für den Hersteller oder Dritte, vvon außen gibt, weitere im Fahrzeug gespeicherte Daten abzurufen.

Es dürfte erwartungsgemäß schwierig genug sein, auf diese Serie von Fragen eine zeitnahe und vollständige Antwort zu erhalten. Dennoch erscheint dies als erster Schritt notwendig, bevor man sich im zweiten Schritt entscheidet gegen die Speicherung und Weitergabe solcher Daten Einspruch einzulegen, mit denen man nicht einverstanden ist.

Die absehbare Zukunft: Verbilligungen bei nachgewiesenem Wohlverhalten

Diese, in der medialen Öffentlichkeit fast schon übersehene Untersuchung des ADAC dürfte erst den Anfang darstellen für die notwendige Beschäftigung und Gegenwehr von Fahrzeuginhabern und -nutzern gegen die umfassende Beobachtung und Sanktionierung ihres Fahr- und Mobilitätsverhaltens.

Denn der nächste Schritt ist folgerichtig und absehbar: Gingen vor wenigen Monaten die Selbstüberwachungsarmbänder durch die Presse, die sogleich von den Krankenversicherungen instrumentalisiert wurden, um günstigere Prämien bei Wohlverhalten zu versprechen, so ist auch im Fall der Überwachung des Fahrverhaltens absehbar, dass KFZ-Versicherungen entsprechende Anreize anbieten werden für den Nachweis von fahrerischem Wohlverhalten.

Leasingnehmer dürfen dann bei der Rückgabe ihrer Fahrzeug in Zukunft nicht nur damit rechnen, für Flugrost auf Bremsscheiben und ähnliche Nutzungsspuren gesondert in Anspruch genommen zu werden. Sondern mit einem detaillierten Protokoll ihres Fahr- und Nutzungsverhaltens, das der Bordcomputer ausspuckt, nachgewiesen zu bekommen, dass dieses ihr individuelles Nutzungsprofil – angeblich – abweicht von der statistischen Norm und daraus resultierende Wertminderungen daher gesondert vom Leasingnehmer zu bezahlen sind.

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Quellen zu diesem Beitrag

[1]   ADAC-Untersuchung: Datenkrake Auto, 31.05.2016, ADAC
https://www.adac.de/infotestrat/adac-im-einsatz/motorwelt/datenkrake_auto.aspx?ComponentId=263350&SourcePageId=6729

[2]   “Es muss uns interessieren, was gespeichert wird“ – Bayern 2, Notizbuch, Gespräch mit Padeluun am 31.05.2016
http://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/notizbuch/autos-daten-datensicherheit-100.html

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